30 Tage vegan

Wie einfach es ist, 30-Tage-Vegan zu leben

Den Anfang machte meine Tochter. Nicht mit unserem 30-Tage-Vegan-Experiment, sondern mit der vegetarischen Ernährung. Da war sie gut sechs Jahre alt und entschied für sich, keine Tiere mehr essen zu wollen. Sozusagen genau in dem Moment, in dem sie begriff, woher die Wurst auf ihrem Brot und die Chicken in den Nuggets stammen. Zwei Wochen später stieg auch meine Frau um, während ich noch standhaft das eine oder andere Rumpsteak und die eine oder andere Bratwurst mit meinem Sohn (damals 3) aß. So richtig schmeckte es aber nicht mehr. Schließlich sah ich die Dokumentation „Nie wieder Fleisch“ und „Die neuen Vegetarier“ auf Arte. Fleisch war danach kein Thema mehr; es fehlte mir nicht einmal. Ich habe seitdem noch einmal Wildgulasch gegessen – es schmeckte mir nicht mehr, und ich bereute es, nicht lieber den Salat genommen zu haben.

30-Tage-Vegan: Einfach mal machen

Ich will hier nicht moralisieren und Gründe anführen, die für die vegetarische oder vegane Lebensweise sprechen. Es geht in diesem Beitrag schlicht um meine Erfahrungen bei unserem 30-Tage-Vegan-Selbstversuch, für den Körper, den Kopf und das Umfeld (Familie, Freunde, Kollegen). Inspiriert durch Ultraläufer Scott Jurek, dessen Buch „Eat and Run“ ich schon vor einer Weile gelesen hatte, und von Daniel und Katrin von beVegt wollten meine Frau und ich im Januar dieses Jahres 30-Tage-Vegan leben. Für mich gehört das zusammen: Laufen (oder auch allgemein Sport) ist eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, da gehört die gleichzeitige Auseinandersetzung mit dem, was man dem Körper zuführt, mit dazu.

30-Tage-Vegan-Experiment, wie ich im Titel geschrieben habe, klingt eigentlich zu hoch gedroschen, als spreche man von einem Wagnis. Auch das Wort „Challenge“, das ein bekannter Kochbuchautor verwendet, finde ich daneben. Es ist doch eigentlich ganz einfach: Man braucht keine Vorbereitung, kein Training, man braucht keinen bis ins Detail durchdachten Survial-Rucksack, mit dem man auch am Jungle-Marathon teilnehmen könnte. In die veganen Kochbücher, die wir eigens gekauft hatten, haben wir nicht einmal reingeschaut. Einfach mehr Gemüse und Obst kaufen als sonst, das ist schon mehr als die halbe Miete.

Selbst auf dem Land gibt es im Supermarkt vegane Produkte

Wir wohnen auf dem Land, und selbst hier haben die Supermärkte diverse Sojaprodukte und veganen Aufschnitt im Angebot. Reichhaltig ist es nicht, aber für die Basics reicht es aus. Für die ersten Einkäufe haben wir ein wenig mehr Zeit benötigt als zuvor, zum einen, um die „neuen“ Lebensmittel zu finden, zum anderen, um die „alten“ Lebensmittel, die man seit Jahren gegessen hat, einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Schon interessant, was da so alles drin ist. Auch interessant, in wie vielen Produkten Milch, Butter und Eier enthalten sind, bei denen man es nicht vermuten würde. Nudeln aus Hartweizengrieß zum Beispiel, da gibt es solche und solche. Auch interessant, dass kaum noch ein Bäcker weiß, was in seinen Brötchen und Broten eigentlich enthalten ist, da es kaum noch einen Bäcker gibt, der nicht von den großen Industrien zuliefern lässt. Zusätzlich zu unseren Supermarkteinkäufen bestellte ich in veganen Online-Shops Knabbereien, Gummibärchen, Schoko-Kekse und noch dies und das zum Ausprobieren – all das, was für die Landbevölkerung dann doch zu speziell ist. Und wir backten unser Brot nun (häufig) selbst. Päpstlicher als das Papst haben wir unser 30-Tage-Vegan-Experiment aber nicht genommen: Wenn auf der Packung stand, das Produkt könnte Spuren von Milch enthalten (also wenn sie nicht als gewollter Bestandteil enthalten ist), kauften wir es trotzdem.

Die erste Nebenwirkung von 30-Tage-Vegan war bei uns also eine intensivere Auseinandersetzung mit unserem täglichen Essen – was nun wirklich jedem zu empfehlen ist, der möglichst wenig Zusatzstoffe zu sich nehmen möchte. Natural Running und Natural Food – so könnte man es (aus Läufersicht) zusammenfassen.

Umstellung für den Körper

In der ersten Woche der Umstellung fühlte ich mich körperlich nicht ganz so gut. Mein Bauch war wahnsinnig aufgebläht wie ein Luftballon. Schnell hatte ich das Soja in Verdacht, aber es stellte sich heraus, dass es die Haferflocken waren, die ich ebenfalls neu zum Frühstück aß. Nachdem ich sie weggelassen hatte, hatte ich keinerlei Probleme mehr. (Vielen Dank noch mal an @bevegt für den Austausch zu diesem Thema via Twitter.) Ansonsten spürte ich keine körperlichen Einbußen während unseres 30-Tage-Vegan-Exeperiments. Warum auch – schließlich ernährten wir so abwechslungsreich wie noch nie und achteten auf ausreichend pflanzliche Proteinlieferanten. Innerlich fühlte ich mich regelrecht aufgeräumt, ein bisschen wie befreit, aber das klingt jetzt irgendwie esoterisch, und ich will nicht ausschließen, dass ich mir das auch nur einbilde.

Ist veganes Leben gleichbedeutend mit Verzicht?

Häufig hört man: Auf Fleisch könnte ich ja noch verzichten, aber auf Käse? Gibt es etwas, das ich vermisse, das ich als Verzicht empfunden habe beim 30-Tage-Vegan-Selbstversuch? Ich hatte und habe nicht das Gefühl, verzichten zu müssen. Im Gegenteil: Unser Speiseplan ist abwechslungsreicher geworden, kreativer, wir probieren mehr aus, wie z.B. Fenchel, den ich vor zwei Wochen das erste Mal in die Pfanne gehauen habe. Die veganen Wurstalternativen schmecken wirklich sehr gut, Frischkäse und Sauerrahm aus Soja ist lecker, und wenn dann noch unser selbstgebackenes Brot ins Spiel kommt, dann empfinde ich mein Essen als reichhaltiger als zuvor. Nur eins fehlt mir: Gummibärchen. Süßes esse ich zwar wenig, aber bei Fruchtgummis werde ich schwach. Es ist schon nicht leicht, vegetarische Gummibärchen zu finden, vegane Gummibärchen musste ich online bestellen, und die haben mit klassischen Gummibärchen nicht mehr allzu viel zu tun. Wer da einen guten Tipp für mich hat – bitte in den Kommentaren posten.

Ein wenig merkwürdig wird man vom Umfeld betrachtet

Auch wenn eine vegane Lebensweise mittlerweile nicht mehr so exotisch ist wie vielleicht noch vor ein paar Jahren, gehört das Unverständnis, das einem überall begegnet, mit dazu. Dass das jemand in einem 30-Tage-Vegan-Experiment mal ausprobieren möchte, können die Meisten noch nachvollziehen. Aber dabei bleiben? Die Gründe für dieses Unverständnis liegen meiner Meinung nach in der Angst vor Verzicht, in der Angst, an Lebensqualität einzubüßen. Denn dass unser Umgang mit Tieren und der Natur nicht richtig ist, wird jedem einleuchten, der sich damit auseinandersetzt oder auch nur die Dokumentationen ansieht, die ich oben erwähnt habe. Allerdings werden diese Erkenntnisse beiseite geschoben, da die Schweinshachse und die Buttersemmelknödel einfach zu lecker sind. Sprich: Die als richtig erkannten Erkenntnisse werden verdrängt, um weiter genießen zu können, damit der erreichte Lebensstandard unverändert bleibt. Dass der Verzicht, wie in unserem Fall, keine Einbußen, sondern auch einen Gewinn bedeutet, kann jeder selbst testen, der auch einfach mal 30-Tage-Vegan lebt. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, nicht zu moralisieren, also unterbreche ich meine Überlegungen an dieser Stelle. Feststeht, dass das Umfeld einen schon etwas merkwürdig und auch belustigt ansieht. Schwierig ist es teilweise in Restaurants. In der Pizzeria eine Pizza ohne Käse zu bestellen ist kein Problem, in einem bayrischen Wirtshaus, das ich anlässlich einer Messe in München besuchen durfte, dann schon – da war selbst in der Schwarzbiersoße Fleisch enthalten.

Aus unserem 30-Tage-Vegan-Experiment sind mittlerweile fast 60 Tage veganer Alltag geworden. Wir sind dabei geblieben – diese Lebensweise fühlt sich für uns richtig an, aus ethischen Gesichtspunkten, aber auch für unseren Körper. Und es ist gar nicht schwer, vegan zu leben – wenn man nicht gerade eine Bayrische Bierstube besucht.

Geschrieben von: Bert

30-Tage-Vegan – ein Experiment, das einfacher ist als man denkt

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Dies & Das
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3 Kommentare

  • Hallo, auch hier melde ich mich nochmal zu Wort 😉
    Also wegen den Gummibärchen, ich weiß ja nun nicht, welche du probiert hast…diese hier finde ich super lecker: Sonnentor Gute Laune Bärchen Bio-Bengelchen.
    LG
    Nadja

    • Vielen Dank für den Tipp. Die habe ich noch nicht gekannt. Werde ich auf jedenfall mal probrieren.

  • Schöner Bericht! 🙂
    Ich selbst lebe schon lange vegetarisch, habe vor einiger Zeit auf Ovo-Vegetarisch umgestellt und jetzt seit ein paar Wochen auf vegan, und es geht mir sehr gut damit!
    Und mir fällt auch immer wieder auf, was du sagtest, dass die Leute Angst vor dem Verzicht haben; aber ich verzichte nicht, ich brauche es schlicht nicht. „Lecker“ ist das einzige „Argument“ für Fleisch, das mir einällt, denn mehr Vorteile gibt es einfach nicht.
    Warum ich mich vegan ernähre? Weil ich die Möglichkeit dazu habe! Die restlichen Gründe dürften wie du sagtest inzwischen alle wissen (und verdrängen…).

    Bei den Gummibärchen kann ich leider nicht weiterhelfen, ich esse lieber Zartbitterschokolade oder Oreos 😀

    Ach, ich könnte noch so viel schreiben, aber ich will dich hier nicht ganz zuspammen 😉
    Liebste Grüße!

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