Canicross-Wettkampf

Unser erster Canicross-Wettkampf: Internationales Schlittenhunderennen vom RSSV Rheinland

Die Selektion eines Schlittenhundes beginnt bereits im Welpenalter: Über verschiedene Tests versuchen manche Musher herauszufinden, welche Laufeigenschaften der jeweilige Welpe aufweist, ob er sich als Leader in einem Gespann eignet oder sich eher im Mittelfeld wohl fühlt. Oder ob er sich gar nicht eignet und aussortiert wird. Mein Hund Rocco gehört zu diesen Aussortierten. Wahrscheinlich weil er zu hippelig ist und das ganze Gespann durcheinanderbringen würde. Aber ist Rocco auch zu hippelig für einen Canicross-Wettkampf?

Vor dem Canicross-Wettkampf: Musher-ID

Will man offiziell an einem Canicross-Wettkampf teilnehmen, der von einem an den VDSV (Verband Deutscher Schlittenhunde Vereine) angeschlossenen Verein organisiert ist, muss man zuvor eine Musher-ID erwerben. Und um eine Musher-ID zu erwerben, muss man zuvor ein Better-Mushing-Seminar besuchen und Mitglied in einem Verein sein, der an den VDSV angeschlossen ist. Rocco und ich sind daher seit ein paar Wochen Mitglieder bei den SCV Hessenhounds, die uns sehr herzlich in ihren Reihen aufgenommen haben. Auch das Seminar haben wir erfolgreich besucht. Somit stand einem Canicross-Wettkampf nichts mehr im Weg, und ich meldete uns zum internationalen Schlittenhunderennen vom RSSV Rheinland am 9. und 10. Dezember an, das auf dem Gut Liebfrauenthal in der Nähe von Worms stattfand.

Zwei Langstreckler auf der Sprintdistanz

Rocco und ich sind ja eigentlich auf der Langstrecke zu Hause. Ein typischer Canicross-Wettkampf ist nur 5 Kilometer lang, wobei die Strecke zweimal (einmal Samstag, einmal Sonntag) gelaufen wird. Sieht man von Fahrtspiel und einigen Tempoläufen ab, haben Rocco und ich nicht wirklich für Sprintdistanzen trainiert. Aber es geht ja um den Spaß, darum, gemeinsam eine neue Erfahrung zu machen.

Die Aufregung steigt – vor allem beim Hund

Als ich am 9. Dezember aus dem Auto steige, das ich auf einem Acker beim Gut Liebfrauenthal geparkt habe, weht mir ein eisiger Wind ins Gesicht. Die Nacht war klar, und es verspricht ein schöner Tag zu werden. Kurz die Startunterlagen geholt, dann setze ich mich wieder ins Auto und frühstücke. Die Startaufstellung ist alphabetisch, Rocco und ich dürfen als Vorletzte auf die Strecke. Noch zwei Stunden bis zum Start.

Ich gehe mit Rocco eine Runde spazieren. Entspannt ist anders. So viele andere Hunde, der Geruch von Pferden, und er spürt, dass heute noch etwas passieren wird. Wie ein aufgescheuchtes Huhn läuft Rocco hin und her; an eine konsequente Leinenführung ist nicht zu denken. Eine halbe Stunde vor dem Start verfrachte ich Rocco zurück in den Kofferraum und laufe mich warm. Als ich Rocco das Geschirr anziehe, ist auch der letzte Funken Gelassenheit bei ihm verschwunden. Im Vergleich dazu hat mein achtjähriger Sohn an Heiligabend geduldig wie ein meditierender Mönch auf die Bescherung gewartet.

In 30 Sekunden Abstand geht es auf die Strecke

In einem Abstand von 30 Sekunden gehen Läufer und Hund auf die Strecke. Und dann sind endlich wir an der Reihe: Ich lasse das Geschirr los, Rocco stürmt nach vorne, die Jöringleine zieht sich stramm, und mit einem Ruck sprinte ich Rocco hinterher. Wir sind auf der Strecke bei unserem ersten Canicross-Wettkampf.

Wir überholen andere Teams

Rocco gibt Gas, und ich versuche möglichst wenig Ballast zu sein. Vor uns einige Läufer, denen wir uns konstant nähern. Scheint, als wären wir gut unterwegs. Wir erreichen das erste Läufer-Hund-Team.
„Vorbei “, rufe ich Rocco zu.
Rocco zieht noch einmal an und überholt. Weiter geht es über den harten, gefrorenen Boden. Drei oder vier weitere Teams überholen wir. Nicht immer leicht, auch wenn alle Läufer Platz machen. Die Strecke ist übersät mit zugefrorenen Pfützen. Ich werde langsamer, kann das Anfangstempo nicht mehr halten. Ich riskiere einen Blick auf die Uhr. Gut vier Kilometer wetzen wir schon über das Feld. Fast geschafft. Noch einmal rechts rum, dann geht es eine leichte Steigung die letzten Meter Richtung Ziel. In 16:35min passieren wir die Ziellinie. Der erste Tag ist gemeistert.

Jagdstart am zweiten Tag

Welchen Platz wir am Vortag erreicht haben, erfahre ich gleich nach der Ankunft am Sonntag, als ich die neuen Startzeiten abhole. Wir dürfen als zweite auf die Strecke – Jagdstart: Man startet in dem Abstand, den man am Vortag herausgelaufen bzw. den man verloren hat. Der Erstplatzierte darf gut 90 Sekunden vor mir loslaufen, dann ich, der Drittplatzierte folgt mit 30 Sekunden Abstand. 30 Sekunden auf 5 Kilometern? Das sollte doch reichen. Ein zweiter Platz bei unserem ersten Canicross-Wettkampf wäre schon eine verdammt coole Sache.

Ich laufe mich warm, dann hole ich Rocco aus dem Auto, ziehe ihm das Geschirr an. Schneefall setzt ein. Wie gestern zappelt Rocco, stürmt immer wieder kurz nach vorne, als wir uns zum Startbereich begeben. Er will endlich los. Schließlich hat er bereits seit fast zwei Minuten das Geschirr an. Eine halbe Ewigkeit.

Einfach nur den Platz halten

Vor mir startet Florian Leithmann mit einem Pointer-Mix. Irre, wie schnell der ist. Gestern ist er ganz knapp über 15 Minuten gelaufen. Aber er hat ja auch schon ein paar Meisterschaften gewonnen. Ich halte Rocco am Geschirr.
Der Rennleiter zählt von fünf runter: „5, 4, 3, 2, 1.“
„Go“, rufe ich Rocco zu. Aber Rocco braucht kein Kommando. Er stürzt los. Und ich stürze mit langen Schritten hinterher. Nur den zweiten Platz halten, denke ich. 30 Sekunden Vorsprung. Nicht überholen lassen.

Der Boden erscheint mir noch härter als am Vortag. Aber vielleicht sind meine Füße und Beine auch einfach nur müde von gestern. Florian ist bereits außer Sichtweite. Niemand vor uns. Das spart einerseits Zeit, da mich die gestrigen Überholmanöver immer kurz ausgebremst haben. Andererseits haben wir kein Ziel vor Augen, das wir einholen wollen. Einfach rennen, das Letzte aus uns rausholen.

Auf den letzten Kilometern werde ich langsamer

Ich merke, dass ich langsamer werde. Diese Sprintdistanzen. Ich jammere innerlich vor mich hin. Wo ist das Ziel? Das Gutshaus ist noch zirka 1.5 Kilometer entfernt. Bei diesem Tempo habe ich kaum Gelegenheit zurück zu schauen. Zu groß ist die Gefahr, auf dem unebenen Boden zu stolpern oder gar auf eine zugefrorene Pfütze zu treten. Wie weit ist der Drittplatzierte hinter mir? Reichen die 30 Sekunden?

Eine Linkskurve, zwanzig, dreißig Meter gerade aus, dann wieder nach links. Ich wage einen Blick zurück. Niemand zu sehen. Wenn wir uns jetzt nicht verstolpern, reichen die 30 Sekunden. Rocco wird langsamer.
„Go, go, go“, rufe ich ihm keuchend zu.
Rocco zieht noch einmal an und in 16:18min fliegen wir über die Ziellinie. Rocco, der Aussortierte, und ich haben den zweiten Platz gemacht.

Fazit

Auf das Ergebnis bei unserem ersten Canicross-Wettkampf bin ich richtig stolz – vor allem bin ich stolz auf Rocco, ohne den ich solche Zeiten nie und nimmer laufen könnte. Nächstes Jahr wird es dann spannend, denn Rocco und ich wollen mehr: Am 14. April starten wir auf der Langdistanz (10 Kilometer) beim VulCanicross und Mitte Juli beim Zugspitz Dogtrekking in der Ultrahund-Distanz (80 Kilometer). Es müssen ja nicht immer nur klassische 5 Kilometer sein.

Geschrieben von: Bert

Wie ein Aussortierter beim Canicross-Wettkampf den zweiten Platz machte

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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