Ein Steel Road Bike entsteht – das Protokoll meines Eddy Merckx Strada Projektes

Ich muss dich warnen. Zumindest, wenn du passionierter Rennradprofi bist, der ohne auch nur einmal zu fluchen einen Reifen auf das Laufrad zerrt und ein Lenkerband gleich im ersten Anlauf perfekt wickelt. Das wird jetzt ziemlich langweilig. Und dann muss ich alle warnen, denen das Herz blutet, wenn jemand an einen klassischen Stahlrahmen neue Komponenten schraubt. Denn genau dies habe ich bei meinem Eddy Merckx Strada getan.

Ziel meines Projektes war es nämlich, die Technik eines Rennrades verstehen zu lernen. Ich hätte hierfür auch einen aktuellen Alu- oder Carbonrahmen verwenden können, aber zum einen gefällt mir die Optik eines klassischen Stahlrahmens und zum anderen, so meine Überlegung, kann ich da nicht so viel oder so schnell kaputt machen.

Eddy Merckx Strada Stahlrahmen von 1990 als Basis

Der Eddy Merckx Strada Stahlrahmen, den ich per Ebay in Frankreich ersteigert habe, stammt, so meine Recherche, aus dem Jahr 1990. Bis auf ein paar kleine Lackplatzer sieht er aus wie neu. Die Komponenten habe ich nach einiger Recherche (fast kein Vorbau passt z.B. an einen alten Stahlrahmen) in diversen Online-Shops bestellt. Wie viele Stunden ich insgesamt für den Zusammenbau gebraucht habe, kann ich schwer beziffern. Es hat jedenfalls nicht so lange gedauert, wie das folgende in Tagen aufgeteilte Protokoll vermuten lässt, da ich häufig nur ein knappe Stunde nach Feierabend Zeit gefunden habe.

Das Protokoll: ein Steel Road Bike entsteht

Tag 1: Wenn Schläuche platzen

Das Innenlager sitzt fest und lässt sich nicht entfernen. Korrosion hat es wohl festgeschweißt. Ich sprühe WD40 drauf und hoffe, dass es helfen wird. Dann ziehe ich die Reifen auf die Laufräder: Schlauch leicht aufgepumpt, Ventil durchs Loch gesteckt, Reifen drüber gezerrt. Die letzten 20 Zentimeter gehen nur mit Reifenhebern. Pfffft. Die Luft entweicht aus dem Schlauch. Nach dem vierten geplatzten Schlauch komme ich langsam auf die Idee, dass es nicht an meiner miesen Reifenaufziehtechnik liegt – mittlerweile bin ich sogar richtig geübt –, sondern der Grund woanders zu suchen ist. Nach einer kurzen Recherche bestelle ich Felgenband.

Tag 2: Felgenband ist toll

Das Innenlager des Eddy Merckx Strada bewegt sich noch immer keinen Millimeter, obwohl ich es die letzten Tage immer wieder großzügig mit WD40 eingesprüht habe. Ich gebe auf und beschließe, das Innenlager in einem Fahrradladen entfernen zu lassen und bei der Gelegenheit auch gleich das Tretlagergehäuse nachfräsen zu lassen. Zumindest mit den Reifen und Schläuchen klappt es jetzt. Felgenband ist einfach toll.

Tag 3: Kurbel reingeklopft

Für 20 Euro hat der liebe Mechaniker vom Fahrradladen das Innenlager vom Eddy Merckx Strada entfernt. Sieht sauber aus und auch die Installation des neuen Innenlagers klappt problemlos. Ich bin ein wenig stolz, dass ich bei der verwirrenden Vielzahl an unterschiedlichen Systemen auf Anhieb das Richtige bestellt habe. Mit dem Gummihammer die Kurbel reingeklopft, Gegenseite festgeschraubt, fertig.

Tag 4: Wie schlimm sind ein paar Millimeter?

Der Umwerfer (Anlötversion) ist schnell an den Rahmen verschraubt. Aber er hängt ein, zwei Millimeter zu hoch über dem großen Kettenblatt, da kann ich machen, was ich will. Ist er etwa nicht mit meinem Eddy Merckx Strada kompatibel? Aber wie schlimm sind schon ein oder zwei Millimeter? Ich wende mich der Montage von Vorbau und Lenker zu. Die Schraube, mit der der Lenker am Vorbau befestigt wird, zieht leider nicht an. Ein Reklamationsfall.

Tag 5: Ritzel für Ritzel

Ich setze die Ritzel der 11-Kassette auf das Laufrad. Vorsichtig, Ritzel für Ritzel, bloß nicht durcheinanderkommen und einen Abstandshalter falsch einsortieren. Ich ziehe die Kassette mit 40Nm fest und setze Vorder- und Hinterrad in den Rahmen.

Tag 6: Schaltwerk

Ich schraube das Schaltwerk fest.

Tag 7: YouTube-Bildung ist halt nicht alles

Es geht an die Kette. Trotz diverser YouTube-Bildungsvideos kürze ich zu stark, was mir natürlich erst auffällt, als alles sauber vernietet ist. Kettenglieder zum Längen habe ich noch, aber natürlich keine Nietstifte mehr. Ich bestelle gleich vier Stück, falls ich es wieder versaue. Zumindest zieht die Schraube des neuen Vorbaus jetzt sauber an, so dass ich nicht nur den Lenker, sondern auch gleich die Schaltgriffe befestigen kann.

Tag 8: Die korrekte Länge

Mit einem Online-Tool rechne ich dreimal die korrekte Kettenlänge nach und zähle dreimal die Glieder nach, bevor ich die Kette wieder trenne und sechs frische Glieder einsetze und mit den gelieferten Nietstiften befestige.

Tag 9: Kabel einfädeln

Es geht an die Kabel, also die Schalt- und Bremszüge, die sich leicht (hat man erst einmal rausbekommen wo) in die Schaltgriffe einfädeln lassen.

Tag 10: Schaltzughüllen: Kabel hübsch einpacken

So ein Schalt- und Bremszug ist zwar an sich schon ganz schick. Noch schicker wird er aber in der passenden Zughülle. Nachdem ich die Zughülle für die Hinterradbremse sauber in zwei Teile zerlegt habe, merke ich, dass die Hülle zu dick für die Führung am Eddy Merckx Strada Rahmen ist. Ich bestelle passende Schellen – und eine neue Hülle.

Tag 11 und 12: Schaltwerk und Umwerfer – meine Angstgegner

Davor hatte ich am meisten Angst oder zumindest Respekt: das Einstellen von Schaltwerk und Umwerfer. Ich beginne mit dem Schaltwerk und der Begrenzung nach unten. Ich drücke das Schaltwerk mit der Hand nach oben auf das größte Ritzel und begrenze es mit der anderen Schraube nach oben, also so, dass die Kette nicht vom Ritzel und in das Laufrad rutschen kann. Das könnte sonst doof enden. Dann drehe ich an der Einstellschraube, bis die Kette beim Schalten sauber von Ritzel zu Ritzel gleitet. Es folgt der Umwerfer: Auf das kleinste Ritzel und kleinste Blatt geschaltet und den Umwerfer so eingestellt, dass die Kette sich nicht mehr oder nur ein bisschen am Umwerfer reibt. Das gleiche umgekehrt: größtes Ritzel, großes Blatt. Klingt alles ganz einfach, nicht wahr? War es aber nicht. Zwei Abende war ich jeweils drei Stunden damit beschäftigt. Zumindest kann ich jetzt sagen: Ich habe das Funktionsprinzip verstanden – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Und das Wichtigste: Mein Eddy Merckx Strada schaltet jetzt sauber – sehr sauber, obwohl der Umwerfer ein oder zwei Millimeter zu hoch hängt.

Tag 13: Pedalen

Ich schraube die Pedalen fest.

Tag 14: Und es bremst. Zumindest vorne

Der Bremszug für die Vorderbremse ist dran. Die Hinterradbremse muss noch warten, Schellen und Zughülle sind noch nicht geliefert worden. Zumindest habe ich nun eine funktionierende Bremse. Das ist doch schon mal ganz beruhigend. Meine Frau sagt später, dass ihr zwei lieber wären. Dann schraube ich noch den Sattel auf die Sattelstütze, die ich genau so weit in den Rahmen drücken kann, dass die Höhe perfekt passt. Weniger wäre doof gewesen bei meinen kurzen Beinen.

Tag 15: Finale mit querstellendem Hinterrad

Schellen und Außenhülle sind endlich da – jetzt hat das Eddy Merckx Strada zwei Bremsen. Die Höhe des Lenkers eingestellt und noch schnell das Lenkerband gewickelt, dann auf zur ersten Probefahrt. Lenkerband. Schnell gewickelt. So dachte ich, denn auf den YouTube-Bildungsvideos sah das immer so einfach aus. Ich wickele und ziehe nicht straff genug, so dass es zu kurz ist. Ich entwickele. Ich wickele und merke zum Schluss, dass es an zwei Stellen nicht richtig überlappt. Ich entwickele. Dann sind beide Lenkerenden irgendwie verpackt. Zufrieden bin ich aber nicht – zum einen muss ich die Wickeltechnik noch besser hinbekommen, zum anderen ist das Korkband viel zu dick für das schmale Eddy Merckx Strada. Ich lasse es erst mal so – schließlich will ich heute die erste Fahrt mit dem Renner machen. Bei meiner ersten Probefahrt stellt sich das Hinterrad quer und blockiert am Rahmen. Ich muss es noch mal mit den Einstellstellschrauben am Rahmen justieren. Auf ein Neues: Jetzt bleibt es in Position, auch als ich einen kleinen Hang hoch fahre und über die Kette ordentlich Zug auf das Hinterrad bringe. Ein bisschen ängstlich bin ich dann aber doch, als ich mich gleich darauf in Schale werfe und die erste richtige Fahrt mit dem Strada mache. Denn so oder so – es geht erst mal bergab, da beschleunige ich gleich auf über 50 km/h. Aber das Eddy Merckx Strada fährt – das Hinterrad bleibt in Position. Es bremst – vorne und hinten. Es schaltet – sowohl mit dem Schaltwerk als auch mit dem Umwerfer. Und das auch noch am Ende meiner ersten 40-minütigen Ausfahrt. Ich habe ein voll funktionstüchtiges Rennrad gebaut.

Fazit

Ein sehr schönes Projekt, bei dem ich ein wenig traurig bin, dass es vorbei ist. Das Strada fährt sich toll, nicht wie ein modernes Rennrad, aber es macht wirklich Spaß mit ihm durch den herbstlichen Odenwald zu fahren. Das Lenkerband habe ich zwei Tage später gegen ein dünneres Microtex-Band ausgetauscht. Das ist zwar nicht so bequem und weich, aber sieht einfach viel besser aus. Und das ist bei einem Steel Road Bike ja nicht ganz unerheblich.

Teile, die ich am Eddy Merckx Strada Rahmen verbaut habe:

Shimano Ultegra 6800 Gruppe 2×11 kompakt – grau
Shimano Ultegra 6800 Polymer Schaltzugset – weiß
Shimano Ultegra 6800 Polymer Bremszugset – weiß
Shimano Dura Ace Innenlager SM-BB 9000 70 mm ITA (M36)
DT Swiss R 23 Spline Laufradsatz Drahtreifen QR – schwarz
Schwalbe Super High Pressure Felgenband (Ausführung: 18-622)
Continental Grand Prix 4000 S II Faltreifen – schwarz
Continental Race 28 Training Schlauch
Cinelli 1A Stem Vorbau 26.0 – Milky Finish Anodized
Cinelli Giro d’Italia Rennradlenker 26.0 – Milky Finish Anodized
Thomson Elite Sattelstütze gerade
Selle Italia Flite Sattel – weiß
Look KéO 2 Max Pedal – weiß
Tektro Kabelführungsschelle f. Oberrohr
fizik Lenkerband Microtex – weiß
Gewicht (ohne Pedalen): 9,1kg.

Eddy Merckx Strada in der Seitenansicht
Eddy Merckx Strada: Das fertige Steel Road Bike
Strada-Schriftzug
Strada Schriftzug am Oberrrohr
Columbus Stahl
Columbus Stahl
Handgemacht in Belgien
Handgemacht in Belgien. Im Gegensatz zu den Bremszügen passten die Zughüllen der Schaltung durch die Führung des Rahmens.
Cinelli-Vorbau
Wunderschöner Vorbau von Cinelli
Ultegra-Gruppe
Ich habe die Ultegra-Gruppe von Shimano verbaut, die sehr gut mit dem Eddy Merckx Strada harmoniert. Hier die Vorderradbremse.
Fizik Lenkerband
Cinelli-Vorbau und Cinelli-Lenker mit dem Lenkerband von Fizik.
Eddy Merckx Strada
Das Eddy Merckx Strada von vorne.
Das Cockpit des Eddy Merckx Strada
Das Cockpit des Eddy Merckx Strada mit dem dünneren Fizik Lenkerband.
Das Eddy Merckx Strada von 1990 in Aktion
Und es fährt wirklich: Das Eddy Merckx Strada von 1990 in Aktion.

Geschrieben von: Bert

Eddy Merckx Strada: Steel Road Bike Projekt

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Rennrad
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