inov-8 X-Talon 210

Der X-Talon 210 im Test: Wenn sich ein enger Schuh nicht eng anfühlt

Die letzten Monate habe ich mit inov-8 gehadert. Meine geliebten Modelle – der RaceUltra 270 und TerraClaw 220 – wurden ausgemustert, und mit den neuen Modellen wurde ich nicht so richtig warm. Wie ein Brett hing zum Beispiel der Trailroc 285 an meinen Füßen – ein vollkommen unflexibler Laufschuh, der auch von Asics stammen könnte. Mit einem natürlichen Laufgefühl, das inov-8 Schuhe vor ein paar Jahren ausgezeichnet hat, hat das alles nur noch wenig zu tun.

Die neue Sticky Grip Außensohle

Nach wie vor im Programm ist mein Lieblingsschuh, wenn es so richtig matschig ist: der X-Talon 200, der allerdings ein großes Manko hat: Auf nassen Steinen bietet die Sohle, wie ich bei der Überquerung des Höllengebirges erleben durfte, nur sehr mäßigen Halt. Als inov-8 nun mit dem X-Talon 210 und dem X-Talon 230 die neue Sticky Grip Außensohle präsentierte, war meine Hoffnung groß, dass auch der X-Talon 200 sticky grippy werden würde. Auf meine Nachfrage via Twitter, ob die nächste Version vom X-Talon 200 ebenfalls die neue Außensohle erhalten würde, antwortete inov-8 ausweichend, dass viele weitere Modelle folgen würden. Ich gehe mal davon aus, dass der X-Talon 200 nicht dazu gehören, sondern bald ausgemustert wird. Wohl ein bisschen viel X-Talon im Programm von inov-8, denn den X-Talon 225 gibt es schließlich auch noch.

Soll ich dem X-Talon 210 eine Chance geben?

Ich überlegte lange, ob ich dem X-Talon 210 eine Chance geben sollte. Denn im Gegensatz zum X-Talon 200 ist er eng geschnitten – Precision Fit nannte das inov-8 noch vor einer Weile, jetzt gibt es eine Skale von 1 bis 5: 1 steht für sehr eng, 5 für gemütlich weit. Der X-Talon hat eine 2; eigentlich zu eng für meine immer breiter werdenden Füße, die von den Altras, die ich sonst häufig laufe, bereits ein wenig „verdorben“ sind. Zudem ist er mit 140 € ordentlich teuer. (Wann hat inov-8 eigentlich so dermaßen die Preise angehoben?) Trotzdem bestelle ich ein Paar, denn für den Cape Wrath Ultra benötige ich einen Fell Running Schuh, der sich auch für felsiges Gelände eignet.

Blendendes Orange

Als ich die inov-8 X-Talon 210 aus dem Karton nehme, werde ich erst einmal von dem knalligen Orange geblendet. Sichtbarkeit ist auf verlassenen Trails natürlich wichtig. Ich schlüpfe in die Schuhe und fülle in Gedanken schon das Retourenformular aus. Aber ich bin überrascht – die X-Talon 210 sehen schmal aus und trotzdem fühlen sie sich nicht so an. Im Gegenteil: Auf den paar Metern, die ich durch Wohnzimmer und Küche tippele, sitzen sie perfekt. Einen Versuch auf den heimischen Trails wagen? Mit dem Risiko, dass sie doch zu eng sind und ich 140 € zum Fenster rausgeworfen habe?

Meine Füße fühlen sich nicht eingeengt

Es liegt eine frische Schneeschicht im Odenwald, als ich die orangenen Knaller zum ersten Mal mit auf meine Hausrunde nehme. Ein kurzes Stück Asphalt, dann geht es über die schneebedeckten Wiesen hinein in den Wald. Ich fühle mich wohl in den Schuhen. Sie geben Vertrauen und verleiten dazu, schneller zu laufen. Der Sticky Grip ist perfekt – egal ob uphill oder downhill, ob rutschige Wurzeltrails oder steinige Forstwege -, die Sohle klebt am Boden. (Nur an richtigen Felsentrails fehlt es auf meinen Haustrails.) Ist das wirklich Precision Fit? Meine Füße fühlen sich überhaupt nicht eingeengt. Wie Socken mit ordentlich Profil.

Wenn sich eng nicht eng anfühlt

Knapp 100 Kilometer bin ich mittlerweile mit dem X-Talon 210 gelaufen mit Distanzen von 10 bis 30 Kilometern. Ich liebe diesen Schuh. Die Sohle ist super flexibel, bietet gleichzeitig aber ausreichend Dämpfung und Schutz. Der Schuh ist leicht und schnell. Und er ist eng, fühlt sich aber nicht eng an. Ich denke, dies liegt in erster Linie daran, dass das Obermaterial kaum Schutz bietet. Es besteht fast ausschließlich aus Mesh-Material. Zehenkappe? Nein, so kann man das bisschen Gummi sicherlich nicht bezeichnen. Die Füße werden zwar eng geführt (da gibt es kein Gerutschte nach vorne oder hinten oder links oder rechts), haben aber Platz, sich im Mesh auszubreiten, da kein umlaufender Schutzrand, wie zum Beispiel beim X-Talon 230, vorhanden ist.

Fazit: inov-8 X-Talon 210

Der X-Talon 210 macht richtig Spaß. Und er hat mich mit inov-8 wieder versöhnt. Leicht, flexibel, flach (3 Millimeter Sprengung), richtig viel Grip – das ist es, was für mich inov-8 ausgemacht hat und mit dem X-Talon 210 auch wieder ausmacht. Er ist ein minimalistischer Schuh, der auf alles verzichtet, was nicht unbedingt sein muss. Und damit macht er alles richtig.

inov-8 X-Talon 210: Knalliges Orange
Wie knallig das Orange wirklich ist, kommt auf dem Foto nur bedingt rüber.
inov-8 X-Talon 210: Schmaler Schnitt
Schmaler Schitt, aber trotzdem nicht eng
Seitenansicht
Seitenansicht: Dass der Schuh kaum Schutz hat, ist leicht ersichtlich
Frontansicht
Frontansicht: Minimaler Schutz für die Zehen
Die Sticky Grip Sohle des X-Talon 210
Die Sticky Grip Sohle des X-Talon 210

Geschrieben von: Bert

inov-8 X-Talon 210: Konzentration auf das Wesentliche

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Tests
0

Mitreden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.