Aufstieg vom La Tournette

Von Montmin über den Pointe de la Bajulaz hinauf zum La Tournette

Mit meiner Familie liege ich an einem der Strände vom Lac d’Annecy im französischen Dèpartement Haute-Savoie und schaue hinüber zum La Tournette, dem höchsten der den See umgebenen Berge. Es ist Hochsaison, Handtuch an Handtuch reiht sich aneinander, der Geruch frischer Crêpes liegt in der Luft. „Ich geh’ noch mal ins Wasser“, ruft mein Sohn, und schon rennt er gemeinsam mit seiner Schwester zum Steg.

Vor ein paar Tagen waren wir fast ganz da oben: von Col de l’Aulp hatten wir „klassische“ Route zum La Tournette genommen und es bis auf immerhin 1.800 Meter geschafft. Da war Schluss gewesen; nach gemeisterten 720 Höhenmetern waren die Kinder, die in erster Linie an die sanften Anstiege des mittelgebirgigen Odenwaldes gewöhnt sind, in den Streik getreten und hatten einstimmig gefordert, den Rückweg anzutreten. Morgen will ich den La Tournette bis nach ganz oben erlaufen als Höhepunkt meiner Vorbereitung auf den UTMB – der letzte lange Trainingslauf. Die Route, die ich mir herausgesucht habe, führt von Montmin über Osten und den Pointe de la Bajulaz auf den Gipfel des La Tournette auf 2.351 Metern Höhe und dann die mir schon teilweise bekannte Strecke hinab zum Col de l’Aulp. Von dort soll es dann einen einfach zu laufenden Trail in einem Bogen zurück nach Montmin gehen.

Mein Traillauf zum La Tournette
Karte und Höhenprofil: Mein Traillauf zum La Tournette

Von Montmin zum Pointe de la Bajulaz

Montmin ist ein verschlafenes Bergdorf auf 1.000 Metern Höhe. Der Parkplatz ist leer, als ich um kurz nach 7 Uhr mein Auto parke. Von der Kirche aus ist der Weg zum Tournette ausgeschildert: 4.5 Stunden soll der Aufstieg dauern. Sofort geht es steil bergauf. Die ersten zwei Kilometer führen über einen steinigen Trail durch den Wald. Dann wird es lichter, felsiger, und ich folge geschwungene Trails durch Wiesen nach oben. Die Vegetation nimmt wieder zu, und der Pfad führt durch Gestrüpp, das so dicht ist, dass es den Himmel verdeckt. Auf 1.900 Metern habe ich diesen alpinen Dschungel überwunden und steige auf einem Berggrat weiter bergauf. Ich treffe auf zwei Franzosen, die den Grat von der anderen Seite aus erklommen haben.
„La Tournette?“, fragt mich der eine.
Ich nicke.
„Bon courage“, sagt er.
Ich verabschiede mich und mache mich mit einem etwas mulmigen Gefühl an den weiteren Aufstieg.

Noch ist der Trail klar zu erkennen. Aber wie soll ich dieses letzte Stück da überwinden? Nur Steine und eine Steigung, die – so meine ich – nach mehr als nur ein paar Stöcken verlangt. Die Vegetation wird immer spärlicher, dann stehe ich vor einem Geröllfeld, das auf drei Metern den Trail durchtrennt. Links von mir geht es steil bergab, verdammt steil. Ich blicke zurück. Die beiden Franzosen stehen noch an der Stelle, an der wir uns verabschiedet haben, und betrachten meinen Wagemut, der gerade nicht ganz so mutig ist. Ich sichere mich nach links mit einem meiner Stöcke und klettere langsam über das Geröll. Auf der anderen Seite steigt der Trail sofort steil an. Ich setze den rechten Stock und ziehe mich nach oben. Der Gipfel ist jetzt bereits nah, aber einen klaren Pfad gibt es nicht. Steinerne, von Rinnsalen gegrabenen Furchen führen nach oben. Die Steigung dürfte zwischen 40 und 50 Prozent liegen. Dann habe ich den schwierigsten Teil des Aufstiegs geschafft und den Pointe de la Bajulaz erreicht.

Zum Gipfel des La Tournette und hinab zum Col de l’Aulp

Von hier geht es nahezu eben zum Gipfel des La Tournette. Die Trails sind wieder einfacher zu laufen, erfordern aber Konzentration, denn links von ihnen geht es steil bergab. Vom Gipfel hat man einen wunderschönen Blick hinunter zum See. Ich lasse mich von einem andere Trailläufer knipsen – als Beweis für meine Heldentat. Dann mache ich mich an den Abstieg. An Laufen ist erstmal nicht zu denken. Ich muss über weite Teile klettern und mich an Klettersteigen hinabhangeln. Die Stöcke verstaue ich im Rucksack, um beide Hände frei zu haben. Nach ca. 300 Metern Abstieg wird der Tournette wieder laufbarer: mit Felsen gespickte Trails und Schotter führen hinab zu einer Rettungshütte auf 1.700 Metern.

Während mir beim Aufstieg auf der Ostseite nur vereinzelte Wanderer begegnet sind, ist auf der klassischen Route mehr los: Trailläufer, die in ordentlichem Tempo den Tournette erklimmen, routinierte Wanderer mit konstanten Schrittrhythmus und Touristen, die nicht so recht gewusst haben, worauf sie sich eingelassen haben, und mit verschwitzt-verzweifeltem Gesichtsausdruck nach oben schauen, in der Hoffnung, hinter der nächsten Kurve möge der Gipfel liegen.

Von Col de l’Aulp zurück nach Montmin

Auf dem Col de l’Aulp laufe ich ein Stück eine Schotterstraße entlang, an deren Seiten zahlreiche Autos parken. Dann weist mir ein Schild den Weg zum Trail in Richtung Montmin. Auf der Karte hatte dieser Teil eben ausgesehen, aber der Pfad ist wellig, führt immer wieder zehn, zwanzig Meter steil nach oben, dann wieder runter. Es geht in den Wald hinein. Fast ein bisschen wie zu Hause im Odenwald, denke ich, und laufe locker über den weichen, von Wurzeln durchzogenen Waldboden. Kurz vor Montmin erreiche ich ein kleines Plateau, von dem aus sich zahlreiche Paraglider in die Luft schwingen, um ihre Runden über dem See zu drehen. Der letzte Kilometer geht über Asphalt durch ein kleines Bergdorf, das aus zwei Bauernhöfen und drei, vier weiteren Häusern besteht. Dann bin ich zurück in Montmin.

Ich schaue auf die Uhr. Gut vier Stunden bin ich unterwegs gewesen, 16,6 Kilometer mit 1.453 Höhenmeter gelaufen und geklettert. Ich fühle mich frisch. Und ich bin auch ein bisschen stolz, dass ich diesen Trail hinauf zum La Tournette alleine gemeistert habe, sozusagen mein erster komplett autonome, alpine Trail. Im Wettkampf – insbesondere beim TDS im letzten Jahr – bin ich bereits ähnlich schwierige Trails gelaufen. Aber es macht einen Unterschied, ob man mit anderen Läufern unterwegs oder ob man alleine auf sich gestellt ist, insbesondere bei so schwierigen Passagen wie hinauf zum Pointe de la Bajulaz.

Vorbereitung auf den UTMB ist abgeschlossen

Mittlerweile ist die Vorbereitung auf den UTMB abgeschlossen. Nur noch ein paar Tage, dann starte ich in mein bislang größtes läuferisches Abenteuer. 886,93 Kilometer mit 24.788 Höhenmetern bin ich gelaufen, 913 Kilometer mit 12.178 Höhenmeter habe ich mit Rennrad oder dem Crosser zurückgelegt. Ein paar Kilometer sind einer Erkältung zum Opfer gefallen, die mich die neunte Trainingswoche komplett lahmgelegt hatte. Ob das reichen wird, um die knapp 170 Kilometer mit 10.000 Höhenmeter zu bewältigen? Ich werde es sehen. Der Lauf zum La Tournette hat mir jedenfalls Selbstvertrauen gegeben – für die Höhe, für technische Passagen und die langen Anstiege.

Bilder von meinem Trailrun zum La Tournette:

Geschrieben von: Bert

La Tournette – der letzte lange Lauf vor dem UTMB

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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