Laufen ohne Pulsuhr

Training ohne Pulsuhr: Eine Anleitung zum Glücklichlaufen

Meine Anleitung für das Laufen ohne Pulsuhr ist eine Anleitung für ein ungezwungenes, kindliches Laufgefühl. Bein Laufen mit Pulsuhr reglementiere ich mich ständig selbst: Der Puls ist zu hoch, ist zu niedrig, ich muss langsamer, ich muss schneller laufen. Macht das immer glücklich und froh? Oder macht ein Training ohne Pulsuhr nicht glücklicher? Einfach los, ohne Kontrolle, von der man im Alltag nun wahrlich genug hat. Klar, wer zielgerichtet trainiert, kann auf eine Pulsuhr und ihre Werte nicht verzichten. Aber ist ein gelegentliches (vielleicht einmal die Woche stattfindendes) Glücklichlaufen ohne Regeln nicht auch mal schön?

Ich bin da auch ein schwerer Fall: Ich kontrolliere gerne, und ich dokumentiere gerne und trage die Ergebnisse in eine sauber gepflegte Excel-Liste ein. Aber jetzt geht’s an eine schrittweise Entwöhnung.

Anleitung für das Laufen ohne Pulsuhr

Eine Anleitung zum Selbermachen bzw. zur schrittweisen Entwöhnung in fünf Schritten:

1. Aller Anfang ist schwer: Starten Sie daher mit voller Ausrüstung, aber schwören Sie sich, nur ganz, ganz selten einen Blick auf die Pulsuhr zu werfen. Dieser Schwur erfolgt hoch und heilig vor einer Gottheit freier Wahl. Wenn Sie merken, dass der Blick nur noch ca. alle fünf Minuten zum Handgelenk wandert, sind Sie bereit für den zweiten Schritt.

Ohne Pulsuhr laufen fällt am Anfang schwer
Ohne Pulsuhr laufen kann am Anfang sehr schwer fallen: Ein gelegentlicher Blick ist daher noch erlaubt.

2. Sie verzichten: Der Pulsgurt bleibt zu Hause, die Pulsuhr darf noch mit. Ich weiß: ein harter Einschnitt in den Trainingsalltag, schließlich laufen Sie jetzt in ständiger Unsicherheit, ob Sie sich noch im GA1-Lang oder schon im GA1-Bereich befinden oder gar schon an der Schwelle zum GA2-Bereich. Da spielen sich schon mal kleine Dramen auf der vertrauten Laufstrecke ab. Jetzt heißt es, Willensstärke beweisen und mit dem nächsten Schritt weitermachen, sobald Sie während des Laufs nicht mehr an den Fingernägeln knabbern oder sonstige Kompensationsmaßnahmen vornehmen.

3. Sie machen es sich noch schwerer: Jetzt versuchen Sie, sich den Spaß am ständigen Ablesen von zurückgelegten Kilometern, aktueller Pace etc. zu vermiesen, und tragen die Pulsuhr verkehrt herum. (Wer es jetzt schon auf die ganz harte Tour versuchen möchte, der klebt das Display mit einer blickdichten Folie ab. Sicherheitshinweis: Das Abzupfen der Klebefolie im vollen Lauf ist insbesondere auf unebenen Single-Trails nicht ungefährlich. Daher nur Abkleben, wenn man innerlich soweit gefestigt ist, diesen Schritt zu wagen.)

4. Das Handgelenk wird erleichtert: Nein, noch bleibt die Pulsuhr nicht zu Hause. Noch dürfen Sie im Anschluss an den Lauf ein paar Werte (wenn auch ohne Puls) in die glorreiche Excel-Liste eintragen. Noch kommen die Dokumentierer auf ihre Kosten. Aber: Sie schnallen sich  die Uhr nicht mehr ums Handgelenk, sondern stecken sie in die Hosentasche (wenn möglich mit Reisverschluss, wäre schon doof, wenn das gute Stück verloren geht), oder in eine Hüfttasche (am besten speziell für Läufer, Sie wollen ja als Sportler und nicht als Tourist wahrgenommen werden) und los geht’s.

Pulsuhr in einer Hüfttasche mitnehmen.
Sie ist noch da und auch ganz dicht am Körper – aber eben nicht mehr am Handgelenk, sondern sicher verstaut in einer Hüfttasche.

Das unangenehme Gefühl, mit einem nackten Handgelenk unterwegs zu sein, ist schwierig zu ertragen. Wem dieses Gefühl während des Laufs zu extrem ist, greift mit Daumen und Mittelfinger der anderen Hand um das Handgelenk genau an der Stelle, wo sonst die Pulsuhr sitzt, und drückt fest zu. Dies schafft Linderung der ärgsten Entzugserscheinungen.

Wenn zu hart wird, kann so Linderung erreicht werden.
Entzugserscheinungen während des Laufs können mit diesem einfachen Griff gelindert werden. Wichtig: Fest zupacken.

5. Sie umfassen nicht mehr das Handgelenk während des Laufs? Dann sind Sie bereit für den letzten Schritt. Es ist soweit – ein letztes Stoßgebet zur gewählten Gottheit und sämtliche Technik bleibt zu Hause.

Vorher-Nachher: Am Ende der Entwöhnung hat man's geschafft.
Links: Das Bild vor der Entwöhnung. Rechts: Der Zustand nach der Entwöhnung. Der Unterschied ist deutlich zu erkennen.

Laufschuhe an, wer mag ein paar Laufklamotten dazu und los geht’s: Egal wohin, egal wie lange, egal wie schnell. Wie ein Kind, das ungestüm durch den Garten tobt. Glücklichlaufen ohne Pulsuhr.

Geschrieben von: Bert

Laufen ohne Pulsuhr – eine schrittweise Entwöhnung

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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12 Kommentare

  • Sehr schöne Geschichte, wenn gleich ich eben wegen der Dokumentation des Trainings nie und nimmer auf die Uhr verzichten möchte/werde. Aber zumindest das Abkleben hatte ich mir auch schon einmal vorgenommen …

    • Hallo Hannes, freut mich, dass die Geschichte dir gefallen hat. Mir geht’s ja primär auch um das „gelegentliche“ Verzichten, einmal die Woche oder so. Zur Trainingssteuerung braucht’s eine Uhr. VG Bert

  • Ha ha genau so !

  • Ich laufe auch wieder ohne Uhr und bin dadurch weniger abgelenkt. Einfach laufen…

    • Hallo René, soweit bin ich leider nicht und werde es vermutlich auch nie sein, so ganz auf die Uhr verzichten zu können. Benötige sie auch zur Trainingssteuerung. Und Spaß macht das Dokumentieren ja auch. Aber mal ohne Uhr zu laufen, halte ich für wichtig – für den Spaß. VG Bert

  • EIne herrliche Anleitung 🙂 Ich gebe aber zu, dass ich dafür noch nicht bereit bin. Im Gegenteil, stehe kurz davor, wieder mal mehrere Hundert Euro für meine Sucht auszugeben. Ich heiße Eddy und bin Laufuhrsüchtig…

    • Hallo Eddy, freut mich, dass meine Anleitung dir gefallen hat. Kann mich ja auch nur schwer von meiner Uhr trennen, wobei mir das Laufen ohne Pulsgurt mittlerweile richtig Spaß macht. Vielleicht sollten wir eine Selbsthilfegruppe gründen… Viele Grüße Bert

  • […] las ich bei Bernd im Blog seinen klasse Text über Laufen ohne […]

  • Schöne Geschichte … 😉

    Aber mal ernsthaft: Ich finde die Leute die während des Laufens ständig auf die Uhr schauen schon seltsam. Statistiken müssen sein, aber die sind auch nach dem Lauf noch auf der Uhr und man kann sich dran ergötzen so viel man will. Während des Laufes schaue ich allenfalls mal nach der Uhrzeit, also ich meine die richtige Tageszeit!

    LG
    Jana

    • Hallo Jana, freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Ich trainiere nach Puls und schaue, wenn ich mit Pulsgurt unterwegs bin, nicht ständig, aber doch recht häufig auf den aktuellen Pulswert, da ich nie auf der Ebene, sondern immer bergauf oder bergab unterwegs bin, wo sich der Wert schnell ändert. Daher ist das Laufen ohne Pulsgurt für mich schon sehr befreiend – bei diesen Läufen schaue ich eigentlich nur auf die Uhr, um die Uhrzeit zu erfahren. Bei langen Läufen bleibt daher zumindest der Pulsgurt mittlerweile prinzipiell zu Hause. Kürzere Läufe dann auch mal ganz ohne Technik. LG Bert

  • […] Einen sehr schönen Beitrag zum Thema Laufen ohne Pulsuhr findest Du auch hier auf Trailgrip von Bert. […]

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