Laufmotivation: Vom Straßenlauf zum Trailrunning

Jetzt wird’s philosophisch. Oder zumindest nachdenklich. Auf jedenfall ziemlich persönlich. Wieso laufe ich? Was ist meine Laufmotivation? Um diese Frage kreisen in den letzten Wochen meine Gedanken.

Am Anfang ging es mir um die Gesundheit

Als ich im August 2011 keuchend meine ersten zwei, drei Kilometer hinter mich brachte, war die Antwort auf die Frage nach meiner Laufmotivation klar: Ich wollte was für meine Gesundheit tun. So würden wohl die Meisten antworten, die nach jahrelanger bewegungsloser Bildschirmarbeit gepaart mit ordentlich Nikotin wieder mit Sport anfangen. Ums Abnehmen ging es mir glücklicherweise nie, da ich schon immer ein dünner Hering war. Mittlerweile lebe ich so gesund wie noch nie: Abgesehen vom Laufsport esse ich recht gesund: viel Obst, viel Vollkorn, Kohlenhydrate in Form von Kartoffeln, Nudeln oder Reis, alles wird frisch zubereitet, keine Fertigprodukte. Selbst den Pizzateig machen wir selbst. Und auch Chia-Samen gehören zum täglichen Pflichtprogramm, wie wohl bei jedem, der Born-to-Run gelesen hat und so von diesem sogenannten Super-Food der mexikanischen Tarahumara erfahren hat. Klar, ist alles relativ. Aber wenn man auch mal Phasen im Leben hatte, in denen man bis zur Mittagspause drei oder vier Kaffee (immerhin mit Milch) und gut zehn Zigaretten intus hatte, bevor man zum ersten Mal eine Kleinigkeit aß, dann fühlt man sich schon ein bisschen wie der Godfather-of-gesunde-Ernährung.

Von der Tochter zum Vegetarismus erzogen

Fleisch gehört mittlerweile nicht mehr zum Speiseplan. Meine Tochter – in zwei Monaten wird sie sieben Jahre alt – entschied vor ca. einem halben Jahr, dass sie keine Tiere mehr essen will; seitdem lebt sie konsequent vegetarisch, und auch wenn sie auf Geburtstagen eingeladen ist und es gibt Bratwurst oder Chicken Mac Nuggets oder Hamburger, lehnt sie dankend ab, sie esse keine Tiere. Finde ich wirklich bemerkenswert und macht mich stolz. Ihre Konsequenz hat dazu geführt, dass wir mittlerweile alle, bis auf meinen vierjährigen Sohn, der bei Oma doch noch sein „gutes Stück Fleisch“ bekommt, nur noch vegetarisch essen. (Seit Anfang 2014 lebe ich komplett vegan.)

Für die Gesundheit läuft man keinen Marathon

Aber zurück zum Thema. Was ist meine Laufmotivation? Was treibt mich an? Das Gesundheitsargument, das ausschlaggebend für die Trainingsaufnahme war, greift nicht mehr. Ginge es nur um die Gesundheit, würde ich dreimal die Woche ein paar lockere Kilometer laufen. Für die Gesundheit trainiert man nicht für einen Marathon oder noch weitere Distanzen. Für die „Fitness“ schon eher, also die Ausdauerleistungsfähigkeit. Es ist schön zu sehen, wie man immer längere Distanzen immer müheloser bewältigt. Man fühlt sich „gesund“, ja mehr als das, auch ein bisschen überlegen, da man weiß, dass zwar zig Läufer sehr viel schneller sind als man selbst, man selbst aber dennoch sehr viel schneller (und gesünder) ist als der Großteil der sonstigen Bevölkerung; in meinem Bekanntenkreis können jedenfalls die Wenigsten zwanzig Kilometer und mehr laufen oder auch nur 10 Kilometer.

Was denke ich, wenn ich laufe?

Das Gefühl der Überlegenheit – eine fast unlautere Motivation für’s Laufen. Aber sie ist von geringer Bedeutung, auch wenn ich sie hier zuerst nenne, und wenn ich unterwegs in freier Natur bin, denke ich nicht darüber nach, wie toll ich bin. Über was denke ich eigentlich nach, wenn ich laufe? Oder noch knapper: Was denke ich, wenn ich laufe? Das hängt stark von der Art des jeweiligen Laufs nach. Zehn Kilometer im Wettkampftempo eignen sich nicht wirklich für’s Denken, außer vielleicht daran, dass hoffentlich bald das Ziel erreicht ist und die GPS-Uhr eine große „10“ bei der Entfernung anzeigt. Anders bei langen Läufen (20 Kilometer aufwärts), die ja meine eigentliche Passion sind.

Probleme wälzen oder positiv formuliert: Probleme lösen

In der Regel laufe ich ohne Stöpsel im Ohr. Anfangs ging’s ohne Musik gar nicht, jetzt stört mich das Gedudel. Im Odenwald direkt vor meiner Haustür treffe ich auf meinen Trails zumeist keine Menschen oder nur sehr selten. Ich bin mit mir allein. Auf den ersten Kilometern wälze ich oft Probleme. Oder anders: Ich denke über Dinge nach, die gelöst werden sollten. Sei es privat oder geschäftlich. Ich arbeite im kreativen Bereich, wo viel individuelle Konzeption für Kunden gefragt ist. Darüber denke ich dann nach: wie man dieses oder jenes Projekt angehen sollte, warum man Sohn sich lieber von meiner Frau als von mir vorlesen lässt, obwohl ich doch mit Superhelden viel mehr anfangen kann als sie, und ob der Zahnriemen vom Auto jetzt wirklich gewechselt werden sollte, wie die Werkstatt aufgrund des Alters vorschlägt. Nicht immer spannende Themen also.

Mal nicht denken: Kopf im Standby-Modus

Mit zunehmenden Kilometern denke ich nicht mehr, bzw. ich weiß anschließend zumindest nicht mehr so genau, über was ich nachgedacht habe. Ab Kilometer 15 tritt bei mir so etwas wie eine wohltuende Leere im Kopf ein, das Hirn geht in den Standby-Modus. Ich genieße die Ruhe. Mit zwei Kindern im Alter von vier und sechs Jahren ist Ruhe ein wertvolles Gut, so schön der Kinderlärm sonst auch ist. Aber es geht vor allem um die Ruhe vor mir selbst. Laufen ist Eskapismus – vor mir selbst, dem Alltagsstress. Oder positiv formuliert: Laufen ist Meditation. Es dient mir, den inneren Gleichmut zu bewahren. Wohl mit der wichtigste Faktor meiner Laufmotivation.

Irgendwann wird die Qual zur Lust

Der schönste Laufmoment ist bei mir der Augenblick, wenn der Körper auf Touren gekommen ist: Alles läuft wie geschmiert und man hat das Gefühl, man könne ewig laufen. Ein bisschen wie Aragorn, Legolas und Gimli, die im zweiten Teil von Herr der Ringe die Orks tagelang ohne Rast verfolgen. Nur halt ohne Orks, ohne Verfolgung und nicht in Neuseeland, sondern im hessischen Odenwald. Je nach Tagesform tritt dieser Moment nach zehn oder zwanzig Minuten ein. Ewig währt er nicht, je nach Trainingsstand, Lauftempo und Höhenmetern so bis Kilometer 25 oder 30. Dann meldet sich der Körper immer deutlicher zu Wort: Die Muskeln meckern, der Puls steigt. Man spürt sich selbst, fühlt sich lebendiger, je größer die Erschöpfung wird. Es geht um das Auslosten der eigenen Grenzen, um die Frage: Was ist mein Körper im Stande zu leisten. Und je mehr sich mein Körper zu Wort meldet, um so leerer wird mein Kopf, um so tiefer die Meditation. Letztendlich wird die Qual zur Lust, wenn man sie überstanden hat. Und das treibt einen dazu an, bald wieder zu starten, steigert die Laufmotivation.

Was bedeuten Bestzeiten für die Motivation?

Was bedeuten mir persönliche Bestzeiten? Die so gerne aufgeführten PB für 10km, Halbmarathon, Marathon. Bin ich stolz auf meine bisher erreichten Zeiten? Ja. Treibt es mich an, das nächste Mal schneller sein zu wollen? Ja. Gleichzeitig ist das die Laufmotivation, die mich am meisten stört. Ich gebe mich ungern mit Kompromissen zufrieden. Warum trage ich diesen Charakterzug, der ja nicht nur positiv ist, auch in meine Freizeit hinein? Gerade da will ich doch eigentlich keinen Druck empfinden. Ich habe die letzte Zeit auch darüber nachgedacht, ob ich weiterhin Straßenwettkämpfe laufen möchte. Das klingt jetzt so, als würde ich das schon die letzten zwanzig Jahre machen und jetzt endlich einen Schlussstrich ziehen wollen. Ich stecke immer noch in den Laufanfängen, auch wenn ich sehr schnell Fortschritte gemacht habe und noch immer mache. Ich bin bis heute einen Marathon, fünf Halbmarathons und einen zehn Kilometer Wettkampf gelaufen. Und ich werde auch weiterhin an Straßenwettkämpfen teilnehmen, da es einfach Spaß macht, mit anderen sein Bestes zu geben und vom Publikum getragen zu werden. Aber ich will mich nicht mehr auf diese Wettkämpfe konzentrieren. Ich will keine Trainingspläne mehr von A bis Z verfolgen, um meine jeweilige Bestzeit zu unterbieten. Das ist Stress, den ich nicht brauche.

Beim Trailrunning die Distanzen erhöhen

Stattdessen will ich beim Trailrunning die Distanzen erhöhen. Ich laufe liebend gerne durch den Wald, auf Single-Trails, über Wiesen und durch Matsch. Straßen und Fahrradwege machen mich überhaupt nicht an. Wenn ich in Frankfurt bin – meine Heimatstadt – tun mir die Läufer, die im Pulk am Main entlangjoggen oder die zwei Kilometer im Grüneburgpark im Kreis laufen müssen, immer ein wenig Leid. Es muss halt auch Vorteile haben, auf dem Land zu leben. Ich kann direkt von meiner Haustür in den Wald und endlose Kilometer und Höhenmeter zurücklegen, ohne einen Weg zweimal zu kreuzen. Zumeist treffe ich niemanden. Manchmal einen Hundebesitzer oder einen Förster, im Herbst ein paar Pilzsammler, nie einen Mountainbiker, obwohl es ausgeschilderte Strecken für Biker gibt.

Zeiten sind beim Trailrunning sekundär

Zeiten spielen für mich beim Trailrunning eine untergeordnete Rolle, auch wenn ich meine Läufe dokumentiere. Dies macht sie erholsamer als die Vorbereitung für einen Stadtmarathon. Nächstes Jahr will ich meinen ersten Ultralauf wagen. Angemeldet habe ich mich für die Supertrail-Distanz beim Zugspitz Ultratrail über 60 Kilometer. Da geht’s nur ums Ankommen, die Zeit ist mir vollkommen gleichgültig. Bei einem Marathon müssten es dann schon 3 Stunden 15 Minuten werden, damit ich den Lauf als Erfolg ansehen könnte. Das hat nichts mit Meditation oder innerem Gleichmut zu tun. Das ist Druck, den ich nicht will. Ob ich das konsequent durchziehe? Ich bin zuversichtlich. Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass man bei einem Straßenwettkampf nicht sein Bestes gibt. Es geht mir um die Vorbereitungszeit, die beim Marathon bei drei Monaten liegt. Wenn ich mich nicht gezielt auf die 3 Stunden 15 Minuten vorbereite, trainiere ich entspannter, werde nicht nervös, wenn ein Intervalltraining mal ausfällt, weil die Zielzeit an Relevanz verliert. Und wenn dann trotzdem die 3 Stunden 15 Minuten zum Schluss in der Mika-Timing-Liste stehen sollten – um so schöner. Wenn nicht, ist es nicht weiter tragisch, da ich mich schließlich nicht gezielt vorbereitet habe. Das schmälert dann nicht die Laufmotivation.

Dieses „Born-to-Run“-Ding – die Laufmotivation steckt uns im Blut

Zu guter Letzt könnte ich die Gründe, wieso ich laufe, noch in der Anthropologie suchen: Weil der Mensch immer laufen musste, um zu überleben, um selbst sein Essen zu fangen oder um nicht selbst zum Essen zu werden. Das alte „Born-to-Run“-Ding, an dem meiner Meinung nach Einiges dran ist. Heute müssen wir in den Industrieländer nicht mehr laufen, um nicht zu verhungern oder gefressen zu werden. Eine Tiefkühlpizza hat eine ganz miese Pace, und Raubtiere, die mir gefährlich werden könnten, hat der Odenwald nicht mehr zu bieten. (Wildschweine könnte man aufführen, da würde ich vermutlich rennen, wenn ich einer Wildsau mit ihren Ferkeln begegnen würde.) Der innere Impuls ist aber noch da, das Bedürfnis, die Notwendigkeit zu laufen. Ich weiß, ich gebe nur wieder, was oft beschrieben und diskutiert wurde.

Fazit

Zum Schluss die obligatorische Zusammenfassung, das Fazit, in dem ich die Anfangs gestellte Frage mit den unterwegs aufgesammelten Antworten klären möchte. Nicht abschließend, denn Gründe und Motivationen können sich auch schnell wieder ändern. Ich versuche zu priorisieren.

Ich laufe,
1. um zu meditieren, für den inneren Gleichmut,
2. um in der freien Natur unterwegs zu sein,
3. um meine körperlichen Grenzen auszuloten,
4. nicht in erster Linie für persönliche Bestzeiten,
5. um Probleme zu lösen,
6. um fit zu bleiben,
7. weil es in der Natur des Menschen liegt,
8. für ein bisschen Überheblichkeit.

Genug Gründe, um sich rasch mal wieder die Laufschuhe anzuschnallen.

Geschrieben von: Bert

Über meine Laufmotivation: Wieso laufe ich?

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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8 Kommentare

  • Hallo Bert,

    gerade bin ich auf dein Blog gestoßen – und sofort bin ich begeistert von diesem Post! Vielen Dank, dass du diese Gedanken mit uns teilst. Ich bin noch dabei, eine Läuferin zu werden, kann aber zumindest einen Teil deiner Motivation nachvollziehen. Diese Ruhe, das Alleinsein mit sich und seinen Gedanken und dann irgendwann nur noch mit sich. Ich weiß nach dem Lauf, tritt der Kürze, gar nicht, ob ich überhaupt Lösungen für Probleme gesucht habe.
    Dieses Jahr soll der erste HM fallen, liebend gern möchte ich mich auch an Trailrunning ausprobieren und besonders sympathisch finde ich, dass du dich vegan ernährst. So, ich lese mich mal weiter durch und sage noch mal danke für noch mehr Motivation.
    Alles Liebe
    Cora

    • Hallo Cora,
      lieben Dank für deine Worte und den ersten Kommentar zu einem meiner Blogbeiträge, dir am Herzen liegen. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem ersten HM!
      LG
      Bert

  • Hallo Bert,

    vielen für den Hinweis zu Deinem Beitrag, den ich ebenfalls gerne gelesen habe und in dem ich mich gut wiederfinde. Läufer sind eben irgendwie ein eigenes kleines Volk. Ob das wohl jemand mal ethnologisch untersucht hat :)?.

    Grüße
    Sebastian

  • Ein toller Artikel, bei dem ich oft schmunzeln musste und mich selbst wiedergefunden habe 🙂 der Herr der Ringe-Vergleich triffts genau, bei mir kommt der Punkt ab 5k, davor quäl ich mich. Das ist so das Minimum, wenn ich laufe, darunter bin ich unzufrieden. Darüber ist dann alles willkommene Zugabe. Ich finde auch nicht, dass durchs Laufen der Kopf frei wird, man ist einfach zu kaputt um zu denken…und da ich so ne Grüblerin bin, kommt das natürlich gut. Ach ja, das Ding mit dem Funken Überlegenheit sehe ich auch so. Vielleicht weil ich mich als unfreiwillig Kinderlose in meinem Bekanntenkreis oft unterlegen fühle. Weiter so, lg Anne

    • Hallo Anne,
      lieben Dank für dein Feedback – freut mich sehr.
      Viele Grüße
      Bert

  • Hallo Bert,

    sehr schöner Beitrag. Ich entdecke mich wieder.
    Ich habe richtig Lust auf die Odenwald-Trails bekommen.
    Viele Grüße vom Fränkischen-Schweiz-(und Alpen)Trail-Verrückten Simon

    • Hallo Simon,
      vielen Dank für dein Feedback – hat mich sehr gefreut.

      Viele Grüße
      Bert

  • Punkt 8 gefällt mir 🙂

    Nein im Ernst es ist Punkt 5. Finde es immer spannend, wieviel man von dem Ehrgeiz, der Disziplin etc. mit rüber nehmen kann in andere Lebensgebiete. Das ist ein Punkt worüber kaum Jemand nachdenkt, dabei ist er extrem wichtig, und Du beschreibst es hier sehr gut.

    Liebe Grüße,
    Tobias

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