Lauftraining und Alltag

Wie lässt sich Lauftraining in den Berufs- und Familienalltag integrieren?

Aktuell trainiere ich für den Zugspitz Supertrail. Da gilt’s 60 Kilometer und knapp 3.000 Höhenmeter zu bewältigen, und entsprechend knackig sieht mein derzeitiges Lauftraining aus: Laufumfang zwischen 60 und 100 Kilometer an fünf Tagen pro Woche, Distanzen zwischen 8 und 45 Kilometern. Dazu noch ein bisschen Rumpfstabilisation, Krafttraining, Lauf-ABC, Radfahren als Ausgleich – das Übliche halt. Da geht schon ordentlich Zeit für das Training drauf. Wie lässt sich das mit dem Alltag in Einklang bringen? Oder anders: Wie versuche ich das Lauftraining in meinen Alltag zu integrieren? Denn ein Patentrezept gibt es natürlich nicht.

Der Wecker klingelt, das Lauftraining ruft

Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder (4+7), arbeite durchschnittlich 10 Stunden pro Tag und nenne ein kleines Häuschen mit Garten im Odenwald unser Eigen. Das ist eigentlich schon ordentlich Programm, das der Alltag so mit sich bringt, und auch ohne Lauftraining wäre mir vermutlich nicht langweilig. (Warum ich laufe, habe ich in einem Beitrag zu meiner Laufmotivation beschrieben.) In unserer Familie haben wir feste Zeiten und Rituale, da meine Frau und ich es wichtig finden, dem Alltag unserer Kinder eine Struktur zu geben. Abendessen ist zwischen 18:00 Uhr und 19:00 Uhr, anschließend wird gespielt (was gespielt wird, wird im Wechsel entschieden), dann Badezimmer und Vorlesen. Meist ist dann so 20:00 Uhr, gerne auch später. Lust zu laufen habe ich dann nicht mehr.

Daher habe ich mein Lauftraining in den frühen Morgen verlegt. Das heißt, dass der Wecker zwischen 5:00 Uhr und 5:45 Uhr klingelt, je nach Trainingsprogramm und Laufdistanz. Meine Frau kümmert sich um die Kids, macht sie fertig für Kindergarten und Schule, wenn’s passt, frühstücken wir kurz zusammen, ich putze ihnen die Zähne und bringe ein Kind zum Bus. Spätestens um 8:00 Uhr bin ich dann im Büro.

Unkraut ist doch eigentlich ganz schön

An Haus und Garten mache ich während dieses Lauftrainings nur das Nötigste. Man muss Prioritäten setzen, und die Entscheidung zwischen Unkrautwegmachen und Lauftraining fällt dann in der Regel zugunsten einer ausgedehnten Runde im Wald aus. Und so lange von unserem Kater „Herr Schmidt“ noch der Schwanz herausragt, kann das Rasenmähen auch noch ein paar Tage warten. Ein Naturgarten. Wenn die Blicke der Nachbarn immer strenger werden und die Nasen so gerümpft sind, dass sie Falten schlagen, weil das Unkraut vor unserem Haus mittlerweile kniehoch ist, muss ich dann doch mal ran. So ist das halt auf’m Dorf.

Verständnis braucht es für die langen Läufe

Klar ist: Ohne den Rückhalt der Familie geht es nicht, auch wenn ich meist früh morgens laufe. Für die langen Läufe – letzten Sonntag war ich 4 ½ Stunden unterwegs – habe ich nur am Wochenende Zeit, und auch wenn ich mich an diesen Tagen zwischen 6:00 Uhr und 7:00 Uhr aus dem Bett quäle, ist der Vormittag für die Familie futsch, und auch der restliche Tag leidet unter meinem Kaputtsein – es sind gar nicht so sehr die Knochen und Muskeln, ich bin einfach nur hundemüde, da hilft auch ein Nickerchen nicht viel.

Das Lauftraining in den Alltag mit Familie und Beruf zu integrieren ist möglich, auch bei einem intensiven Trainingsplan. Man muss bereit sein, sich früh morgens aus dem Bett zu quälen, wenn Frau und Kinder noch schlafen. Und man muss bereit sein, Haus und Hof ein bisschen zu vernachlässigen. Und wenn man dann, wie ich, das Glück hat, eine Familie mit Verständnis für die langen Läufe am Wochenende zu haben – weil sie wissen, wie wichtig mir das Lauftraining ist – dann kann man auch einen Zugspitz Supertrail oder auch Zugspitz Ultratrail in Angriff nehmen.

Geschrieben von: Bert

Lauftraining und Alltag

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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23 Kommentare

  • Servus Bernd,
    ein toller Artikel, in dem ich mich sehr gut wiederfinde! Zeitmanagement ist alles und gegenseitiges Verständnus hilft ungemein! Auch wenn ich im Moment nur für meinen ersten Halbmarathon trainiere.
    Gruß Jörg

    • Hallo Jörg,

      vielen Dank für den Feeback. Freut mich sehr, dass der Artikel die gefallen hat. Viel Erfolg beim Training und deinem ersten Halbmarathon.

      Viele Grüße
      Bert, der keinen Bernd kennt 😉

  • Prima, dass du das so gut gebacken bekommst – letztlich sind wir „komischen“ Ausdauersportler immer auf den Rückhalt der Familie angewiesen, wer kann schon befreit und locker laufen, wenn er befürchten muss Zuhause eine Bratpfanne auf die Rübe zu bekommen 😉

    • Hi Daniel,

      ja, auch der Rückhalt (nicht nur die „Duldung“) ist wichtig. Letzten Sonntag bekam ich bei km23 eine MMS mit einem aufmunternden Foto. Das hilft ungemein.
      VG
      Bert

      • Das ist aber toll! Wobei ich mich da auch nicht beschweren kann – teilweise werde ich schon fast zum laufen „genötigt“ – dafür bedanke ich mich, mit Brötchenlieferungen und ähnlichem 🙂

  • Schöner Artikel. Kann mich sehr gut darin wiederfinden. Auch bei den Langen Läufen sonntags geht es mir sehr ähnlich. Um mein schlechtes Gewissen etwas zu beruhigen starte ich auch so früh wie möglich. Mein längster war letzte Woche 4 Std. War aber dann auch den ganzen Tag am Arsch. Bald ist der Spuk vorbei 🙂 Trainiere auch auf den ZUT Supertrail. Mein erster Ultra. Zeitziel: keins. heil Durchkommen. Vielleicht sieht man sich

    • Hallo Wolfgang,
      vielen Dank für dein Feedback – freut mich sehr. Der ZUT Supertrail wird auch mein erster Ultra sein. Ein Zeitziel setze ich mir auch nicht. Durchkommen, den Lauf und die Natur genießen und hoffentlich viel Spaß haben. Wir können uns ja vorab kurz per Twitter verabreden. Würd‘ mich freuen.
      Viele Grüße
      Bert

      • Hi Bert,

        war im Urlaub und gerade erst deine Antwort hier gesehen. Seit 3 Tagen habe ich ziemlich Probleme mit dem linken Schienbein. Wahrscheinlich ne Entzündung / Schienbeinkanten.. Ich denke mal Überlastung. Musste heute bei 29km abbrechen. Geplant waren heute 45km, welches auch der Längste sein sollte. Am Freitag musste ich auch schon abbrechen. Ich bin eigentlich nicht schmerzempfindlich und hart im Nehmen, denke ich. Aber der Schmerz ist recht fies. Deshalb stelle ich den Lauf seit heute in Frage. Evtl. ist das doch ne Nummer zu groß dieses Jahr. Doofer Zeitpunkt allerdings nach den letzten Trainingswochen. Mal schauen wie sich die Sache entwickelt mit dem Bein. Aber realistisch bleibt nicht mehr viel Zeit. Falls es irgendwie gutgeht würde ich mich natürlich freuen Dich zu treffen. Hoffe bei Dir läuft alles gut soweit..

        Grüße,
        Wolfgang

        • Hallo Wolfgang,
          Mist aber auch, Obermist. Kenne ich leider auch zu gut. Ich musste zweimal den FFM Marathon absagen: 1 x Muskelfaserriss, 1 x Ermüdungsbruch. Ich drück dir die Daumen, dass die Entzündung rechtzeitig abklingt und du bis zum Lauf wieder fit bist.

          Bei mir läuft soweit alles gut (#dreimalaufholzklopfgeräusch). Diese Woche noch, dann geht’s mit dem Lauftraining ins Tapering. Schreib mal, wenn du weißt, wie es bei dir weitergeht. Bei mir hat Bromelain POS gut bei einer Sehnenentzündung geholfen. Ob das was für Schienbeinkanten ist, kann ich aber nicht sagen. Hilft aber allgemein gegen Entzündungen.

          Alles Gute und hoffentlich bis bald in Grainau.
          VG
          Bert

          • Hi Bert,

            leider soll es nicht sein dieses Jahr. Der Trainingsrückstand ist zu groß. Ich habs am Pfingswochenende nochmal vergeblich versucht . Danke dennoch für Deine Tipps und die Aufmunterung. Habs mit Coolpacks und verschiedenen Salben probiert. Kurzfristig hat das wohl auch etwas geholfen. Aber nach ein paar km gings wieder los. Erstmal jetzt ne Woche Laufpause und zum Orthopäden falls keine Besserung. Sehr schade, aber das Training war nicht umsonst und evtl. versuche ich es im August dann mit nem Marathon http://zugspitz-trailrun-challenge.com/trophy/strecken/ und dann nächstes Jahr den Supertrail. Mal schauen. Wünsch Dir jetzt schon mal ein gutes Tapering und einen guten Start in Grainau. Wir sehen uns 😉

          • Hallo Wolfgang,
            sehr schade. Ich wünsche dir schnelle und gute Besserung. Der Marathon ist auch eine tolle Veranstaltung und bis August bist du sicherlich wieder fit.
            Bis bald
            Bert
            PS: Ich werde dann berichten, wie sich dieser Supertrail so anfühlt.

  • Tjaaa .. wir hatten kürzlich auch eine entsprechende „Diskussion“ und ich muss gestehen, dass ich dazu neige egoistisch zu handeln.
    „Ich geh mal laufen“ .. anstatt „ich würde heute Abend laufen gehen wollen, wie sieht unser Tagesplan aus?“ (oder so).

    Wir leben in der Stadt und irgendwie ist das „draußen sein“ für meine Familie zwar auch was Feines, aber sie sind nicht so aktiv wie ich. Das nervt mich manchmal, anders nervt es sie, wenn ich ständig wandern will, anstatt mich einfach an den Rhein auf ’ne Picknickdecke zu legen. 😉
    Bin mal gespannt, was wir da in Zukunft für Lösungen finden.

    Das Training in den Alltag zu integrieren ist da dann fast nur der zweite Schritt. Aber es stimmt natürlich .. will man längere Läufe absolvieren, muss man längere Strecken im Training laufen. Ich bin aktuell noch nicht in der Lage morgens früher aufzustehen .. ich müsste ja um 4:45 Uhr oder so loslaufen, um 90min laufen zu können, um pünktlich auf der Arbeit zu sein (ich hab zwar Gleitzeit, aber ich will ja früh wieder daheim sein!).

    Das ist schon alles echt schwer. Bin da schon sehr froh, dass mein Sohn jetzt Spaß daran hat auch mal mitzulaufen und wir starten jetzt auch zusammen bei einem Lauf (er auf der 1km, ich auf der 10km-Strecke).
    Wir haben als Familie noch viel zu tun .. ich bin echt gespannt, wie wir das alles schaffen. 🙂

    Denn eins ist klar .. die 100km müssen irgendwann fallen (auf dem Trail!) und dementsprechend muss ich die nächsten Jahr über viel trainieren.
    War das zu egoistisch? 🙂

    • Hi Benni,
      ja, ohne eine Portion Egoismus geht’s wohl nicht. Dafür ist Ausdauersport einfach zu zeitintensiv. Aber solange es „gesunder“ Egoismus bleibt, bei dem man sich selbst, aber auch die anderen nicht vernachlässigt und vergisst, ist das, finde ich, schon okay.
      Viele Grüße
      Bert

  • Der Katze gefällt es sicherlich, wenn se sich im hohen Gras verstecken kann. Wenn die Nachbarn kritisch schaun, kannst ihnen ja eine Patenschaft für deinen Garten anbieten. Sie Pflegen deinen Garten und du läufst nochmal ne runde 🙂

    • Hallo Nadine,
      gute Idee – ich frage mal nach, bevor das nächste Lauftraining beginnt. Ein bisschen Support kann die Nachbarschaft schon mal leisten 😉
      Viele Grüße
      Bert

  • Hi Bert,
    was für ein Glück, dass wir so verständnisvolle Familien haben. Mir geht es auch ähnlich wie dir. Ich laufe auch zwischen 80 und 100km in der Woche + Rad + Schwimmen und absolviere meine Trainingseinheiten allerdings meistens Abends von der Arbeit auf dem Weg nach Hause, bzw. in der Mittagspause, so komm ich mit meinen 3 Mädels am wenigsten in die Quere 🙂 Aber für die 2 Trainingsläufe am WE (ein langer und einmal Regeneration, da kommt auch meist meine Frau mit), braucht man schon ein gute Planung und den Ehrgeiz auch Samstag bzw. Sonntag früh aufzustehen. Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß beim Training für den Zugspitz Supertrail.
    Grüßle
    Wolle

    • Hallo Wolle,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Da hast du ja ein ordentliches Programm, wenn noch Rad und Schwimmen dazukommen. Klingt nach Triathlon oder machst du sehr viel Ausgleichssport?
      Auch dir weiterhin viel Spaß beim Training.
      Viele Grüße
      Bert

  • […] sich einfach gut an! So ging es mir auf trailgrip.com. Der Autor Bert beschreibt in seinem Artikel “Lauftraining und Alltag”, wie er Familie und Beruf in Einklang mit seiner Leidenschaft dem Laufen bringt. Er steht oft […]

  • Hallo Bert,

    ich bin über die Run happy Aktion auf Deinen Blog gekommen und habe gleich diesen tollen Beitrag gefunden. Sehr beeindruckend, wie Du und andere das hinbekommt. Ich muss gestehen, dass mir da doch etwas die Selbstdisziplin fehlt. Aber vielleicht muss ich mir auch mal ein ambitionierteres Ziel setzen.

    Viel Erfolg an der Zugspitze. Du läufst nämlich gerade 😉
    Sebastian

    • Hallo Sebastian,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Freut mich, dass dir der Text gefallen hat. Ziele setzen ist, denke ich, wichtig beim Laufsport. Dann hat man etwas, auf das man hintrainieren kann (und auch ein bisschen „muss“).
      Viele Grüße
      Bert

      PS: Zugspitz Supertrail war super – ein unvergessliches Erlebnis.

  • Ich hoffe Du berichtest noch ein bisschen davon. Ich war letztes im August auf der Zugspitze (mit der Bahn) und war total begeistert von der atemberaubenden Kulisse.

    Ziele finde ich auch total wichtig. Nichts verpflichtet mehr als die Anmeldung zu einem Lauf. Allerdings habe ich bei mir festgestellt, dass ich für die letzten Marathon-Läufe eher so nach dem Motto „so viel wie nötig“ trainiert habe. Und das ist dann auf Dauer auch nicht wirklich befriedigend.

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