Mehrhundehaltung

Aufwand, Kosten, Fragen: Was bei der Mehrhundehaltung auf einen zukommt.

Sprechen wir über Hunde. Also nicht über Hunde im Allgemeinen, sondern über ganz besondere Hunde – unsere Hunde. Es fing eigentlich ganz harmlos an: Ich suchte nach einem Hund, der mich am Wochenende mal eben bei einem 30-Kilometer-Lauf begleitet und bei Regen und 8°C freudig einen Tempolauf mitmacht. Das war im September 2016. Wenn ich jetzt zur Couch blicke, sehe ich vier Pelzmützen, die friedlich schlummern. Mehrhundehaltung nennt man das wohl.

Hinter mir an der Wand hängen diverse Geschirre, Hüftgurte und Jöringleinen für den Zughundesport. Vor dem Haus steht ein VW Bus mit großer Hundeliegefläche, und gestern habe ich einen Hundeanhänger bestellt, damit wir mit der kompletten Familie dieses Jahr entspannt zur Trophée Des Montagnes fahren können, dem größten Canicross-Event Europas, das in den französischen Alpen stattfindet. Und dann liegt da noch etwas Kleines zu meinen Füßen, aber das ist eigentlich noch ein großes Geheimnis, über das ich vielleicht (aber nur ganz vielleicht) zum Schluss dieses Beitrags noch etwas erzählen werde. Ja, man könnte sagen, dass das mit dem einen Hund, der mich beim Laufen begleiten sollte, ein wenig ausgeartet ist. Ich sage immer, es ist einfach passiert.

VulCanicross 2018
Laufbegleitung: Rocco und ich beim VulCanicross 2018

Da schütteln nicht nur Katzenfans den Kopf

Mit einem Hund wird man von den meisten Mitmenschen wohlwollend betrachtet. Auch zwei Hunden sind okay. Drei sind schon leicht übertrieben. Alles darüber hinaus löst nicht nur bei ausgeprägten Katzenfans Kopfschütteln aus.

„Du arbeitest aber schon noch?“
„Was macht Ihr, wenn Ihr in Urlaub fahrt?“
„Vier Hunde – das kostet aber.“
„Verstehen die sich alle?“
„Die machen aber bestimmt viel Dreck.“
„Warum?“

Die Hunde müssen passen

Grundvoraussetzung, dass es mit der Mehrhundehaltung klappt: Die Hunde müssen zu einem passen. Klingt fürchterlich einleuchtend, aber die Mensch-Hunde-Kombinationen, die ich neulich bei einer Junghundestunde gesehen habe, machen mich zweifeln, dass sich jede(r) Hundebesitzer(in) ernsthaft Gedanken über die Rasse macht, bevor er oder sie sich die Überforderung in Form eines auf einmal gar nicht mehr so kleinen pubertierenden Hundeteenagers ins Freizeitleben holt.

„Du arbeitest aber schon noch?“

Wie viel Zeit beanspruchen vier Hunde? Ich sage es mal so, Ausschlafen wird zur Seltenheit. Trotzdem ist es nicht so aufwändig wie man denkt, zumindest, wenn man so viel läuft wie ich, also zumindest 60 Kilometer pro Woche bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Als Ergänzung noch ein bisschen Dogscooter und Bikejöring und am Wochenende extra lange Runden und Kopfarbeit und unsere Hunde sind happy.

Auch bevor Rocco bei uns einzog, bin ich morgens vor der Arbeit 10 bis 20 Kilometer gelaufen, am Wochenende lange Läufe bis zu 50 Kilometer. In der direkten Vorbereitung auf einen Ultratrail kommen pro Woche 100 bis 150 Kilometer zusammen. Ob ich alleine oder mit Hund trainiere, ändert also erstmal nichts an meinem Freizeitzeitbudget. Ich laste sozusagen mich und dabei auch die Hunde aus.

In der Regel sind wir zu zweit, meine Frau und ich, und jeder kümmert sich um zwei Hunde, und auch die Kinder packen mit an, wenn es passt. Mittags lassen wir die Hunde in den Garten oder drehen eine Minirunde, abends geht es dann noch mal eine Stunde raus (im Winter mit Stirnlampe), und wenn die Kinder im Bett sind, machen wir Suchspiel und ein paar Trainingseinheiten für den Kopf.

Dogtrekking
Die Familie beim Dogtrekking

In Summe benötigen die Hunde ca. 2 ½ Stunde Aufmerksamkeit pro Tag – das ist meine Zeit, meine Frau investiert ebenso viel. Im Vergleich zu der Zeit, als ich noch ohne Hunde laufen war, sind ca. 1 ½ Stunden an Freizeitaufwand hinzugekommen. Woher nehme ich die Zeit? Ich schreibe seltener für dieses Blog, ich lese weniger, ich schaue weniger Netflix. Prioritäten setzen und so.

Dass ich selbstständig bin, macht die Mehrhundehaltung sehr viel einfacher. Durchschnittlich arbeite ich drei Tage die Woche von zu Hause aus, immer, wenn meine Frau arbeitet oder es einfach besser passt. Da fallen schon mal 45 Minuten Fahrzeit pro Tag weg. Ins Büro kann ich auch einen der Hunde mitnehmen. Die Hunde sind somit nur sehr selten alleine, und wenn mal doch, dann haben sie ja sich.

Wird man jedem Hund gerecht? Ja, auch wenn man die Zeit aufteilen muss, und die Spaziergänge für einen einzeln gehaltenen Hund länger wären.

Wenn es mal schnell gehen muss: Ein typischer Morgen in der Mehrhundehaltung

Wenn es mal schnell gehen muss, kann ich alle vier Hunde innerhalb von einer Stunde körperlich vielleicht nicht komplett auslasten, aber doch zufriedenstellen.

Ein typischer Morgen, wenn meine Frau Nachtdienst hat: Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Kurz die Hunde in den Garten lassen, für den Dogscooter fertig machen, meiner Tochter „Guten Morgen“ sagen, die am Vorabend geschmierten Schulbrote aus dem Kühlschrank holen, Hundefutter vorbereiten, Rocco das Geschirr an, raus, los geht’s: 8 Kilometer Dogscooter mit 170 Höhenmetern in gut 20 Minuten. Meine Tochter in die Schule verabschieden, meinem Sohn „Guten Morgen“ sagen, Laufklamotten an bzw. das ausziehen, was man beim Dogscooters, nicht aber beim Laufen braucht, Tulip und Keks das Geschirr angezogen, Hüftgurt um, raus, los geht’s, Filo begleitet uns im Freilauf. Es geht in 30 Minuten 6 bis 7 Kilometer über Trails im Odenwald. Zuhause meinen Sohn in die Schule verabschieden, duschen, Kaffee und Frühstück für mich machen, Hunde füttern. Spätestens um 8 Uhr sitze ich am Schreibtisch oder fahre ins Büro, während die Hunde friedlich schlummern.

Canicross: Mit drei Hunden durch den Wald

„Was macht Ihr, wenn Ihr in Urlaub fahrt?“

Wir nehmen alle Hunde mit und werden nur noch campen. Eine Hundepension wäre für alle Hunde sehr teuer. Aber der eigentliche Grund ist Tulip (siehe unten): Sie würde den Aufenthalt in einer Hundepension mit fremden Menschen nicht aushalten. Das können wir ihr nicht antun. Daher steht jetzt ein VW-Multivan vor der Tür, mit großer Hundeliegefläche, selbstgebautem Küchenelement, ein Van-Zelt wartet in der Garage auf seinen ersten Einsatz, und einen Hundeanhänger haben wir gerade auch noch bestellt.

VW Bus mit Küche und Liegefläche
Unser VW Bus mit Küche und Liegefläche für die Hunde
Übernachtung im VW Bus
Übernachtung im VW Bus mit Rocco bei der Deutschen Meisterschaft im Canicross

„Vier Hunde – das kostet aber.“

Pro Monat geben wir 250 Euro für Futter aus. Dann Tierarztkosten, Hundesteuer, Ausrüstung (Leinen, Halsbänder, Spielzeug, Decken, Fressnäpfe etc.) Hinzu kommen Einmalkosten wie der Ausbau des VW Buses, der Hundeanhänger, Dogscooter. Von den Dingen, die unsere Hunde bereits kaputt gemacht haben (Sofa, Schulbücher, Ladekabel…), mal ganz zu schweigen. Ich habe nicht überschlagen, was das für monatliche Kosten in einem zehn Jahreszeithorizont wären. Werde ich auch nicht. Wir wollten ohnehin nie eine Yacht an der Côte d’Azur.

Zerstörung bei Langeweile
Wenn einem mal langweilig ist, greift man zu einem guten Buch. So machen das unsere Hunde auch.

„Verstehen die sich alle?“

Unsere Hunde bzw. ihre Rassen sind ausgeprägte Rudeltiere bzw. wurden dazu gezüchtet, mit und in Hundegruppen gut klar zu kommen. Der Podenco bei Keks, der Alaskan Husky, der in der German Trailhounds steckt, und Tulip als kleiner Wolf ist ohnehin sehr sozial gegenüber ihren Artgenossen. Daher funktioniert die Mehrhundehaltung bei uns sehr gut. Wir können alle zusammen in einem Raum (jeder sein eigenes Schälchen) füttern, ohne dass es zu Streitigkeiten kommt. Die Beiß- und Raufspiele arten nie aus. Nur Filo fühlt sich bei Laufspielen im Garten oder auf der Wiese herausgefordert und reagiert beleidigt pampig, weil sie den jüngeren Hunden nicht mehr ganz hinterherkommt.

Mehrhundehaltung auf der Couch
Gelebte Mehrhundehaltung auf der Couch. Rocco hat nicht mehr aufs Bild gepasst.
Rocco und Tulip
Rocco und Tulip – ich glaube, sie sind ein wenig in einander verliebt. Vielleicht brauchte Rocco aber auch nur ein Kopfkissen.

„Die machen aber bestimmt viel Dreck.“

Ja. Wer bei jedem Krümel gleich den Akkusauger zückt und sofort bei einem Abdruck von nassen Pfoten im Flur den Wischmop startklar macht, wird mit vier Hunden, die bei Wind und Wetter durch den Wald rennen, nicht glücklich werden. Unsere Kinder sind übrigens sehr selten krank, seltener als ihre Mitschüler. Dreck härtet ab.

„Warum?“

Wir lieben Hunde. Wir lieben es mit Hunden zu arbeiten und auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Rassen beim Training einzugehen. Es ist unglaublich spannend, zu sehen, wie verschieden die Hunde auf Trainingsreize reagieren (oder auch nicht), wie sie untereinander agieren, wie differenziert ihre Kommunikation ist. Und ich liebe es mit unseren Hunden im Wald unterwegs zu sein, sei es mit dem Dogscooter zu surfen oder über Trails zu laufen, mit dem irren Zug von Rocco ein Tempo zu erreichen, das ich solo nicht laufen könnte, oder gemächlicher mit Tulip einen langen Lauf zu machen.

Fazit zur Mehrhundehaltung

Mehrhundehaltung macht sportlich, arm, dreckig – und glücklich.

Unsere Hunde

Rocco – der schwarze Blitz, fast 3 Jahre alt

Rocco - der schwarze Blitz
Mit Rocco begann die Mehrhundehaltung: Mein erster Hund, ein German Trailhound, den ich in meinem Blog (German Trailhound) schon vorgestellt habe und der sich in einigen Videoclips (Canicross, Bikejöring, Zugspitz-Dogtrekking, Dogscooter) bereits verewigt hat. Mit Rocco fing alles an. Auf einmal lief ich nicht einfach nur. Auf einmal machte ich Zughundesport. Erst Canicross, dann auch Bikejöring und Dogscooter. Rocco kann nur schnell und macht mich schnell, so dass wir auch bei Wettkämpfen mittlerweile recht erfolgreich sind: 1. Platz in meiner Altersklasse auf der Langdistanz beim VulCanicross 2018, 1. Platz beim Zugspitz Dogtrekking in der Flegeldistanz, 4. Gesamtplatz bei den Deutschen Meisterschaften im Canicross. Nur zu Hause auf der Couch kommt der Greyhound in ihm durch: Er wird weich und sanft und ist sehr schmusebedürftig, und ich glaube, er hält sich in diesen Momenten für einen Kater, der für meinen Schoß leider ein Stückchen zu groß geraten ist.

Filo – die Chefin, 6 Jahre alt

Filo Chefin
Filo hieß, bevor sie zu uns kam, Phoenix und ist mehrere Jahre Lead in einem Gespann gelaufen. Dann durfte sie noch zweimal Welpen bekommen, bevor sie sterilisiert und abgegeben wurde. Sie kam zu einer Frau, die anscheinend schnell wieder das Interesse an ihr verlor – als wir Filo abholten, hatte sie kaum noch Muskelmasse, da sie eineinhalb Jahre hauptsächlich im Zwinger gehalten wurde. Filo ist sehr genügsam und genießt ihren Platz auf der Couch. Mit Geschirr laufe ich nur selten mit ihr, da sie sichtlich die Freude am Ziehen verloren hat. Vielleicht fehlt ihr auch das Gespann. Sie begleitet mich im Freilauf und spielt den Hasen für Tulip, die ich derzeit antrainiere. Meine Frau hat sie für die tiergestützte Therapie ausgebildet. Auch Filo ist ein German Trailhound.

Keks – Minirennsemmel und Therapeut, 2 Jahre alt

Keks - die Rennsemmel
Keks kommt aus der spanischen Tierhilfe und wurde als Welpe in einem Müllcontainer gefunden. Was in ihm steckt? Wir vermuten, er ist ein Podenco- Chihuahua-Mix. Eine heiße Mischung also, ein Mini-Rennsemmel mit einer Vorliebe für Katzen- und Hasenjagd, der sehr wachsam ist (Stichwort: Kläffen) und am liebsten unter der Decke schläft. Auch er ist ausgebildeter Therapiehund und war schon mehrfach mit meiner Frau im Arbeitseinsatz in einer anonymen Zuflucht für bedrohte Mädchen. Trotz oder vielleicht auch wegen seiner Größe ist hart im nehmen, hat schon Alpengipfel überwunden und gibt beim Spielen mit den Großen immer tapfer Contra.

Tulip – Kuschelwolf, 1 Jahr alt

Tulip - unser kleiner Wolf
Unser kleiner Wolf, ein Native American Indian Dog mit einem Wolfanteil von 20 Prozent. Den Wolf merkt man deutlich – Tulip ist so scheu, dass unsere Kinder fast sechs Woche brauchten, um sich ihr Vertrauen zu erarbeiten, und da war Tulip gerade mal 13 Wochen alt. Zivilisation macht ihr Angst, um fremde Menschen macht sie, wenn möglich, einen weiten Bogen. Es sei denn, die fremden Menschen haben auch Hunde dabei – dann, so denkt sie sehr wahrscheinlich – können die ja nicht ganz verkehrt sein. Ich liebe es mit ihr im Wald, in ihrem Element, unterwegs zu sein, laufend oder wandernd. Ob ich jemals mit ihr an einem Canicross-Wettkampf werde teilnehmen können? Ich glaube nicht, aber man weiß ja nie. Zu Hause ist Tulip sanft und lieb, und sie hat das tollste Fell, das ich bislang streicheln durfte, und sie duftet nach Wild(heit). Hobby: Ihre eigene Vorstellung dekoraktiver Inneneinrichtung verwirklichen, wenn gerade keine Menschen anwesend sind.

Lumi – Welpe

War da noch was? Ach ja, ich wollte ja vielleicht ein Geheimnis preisgeben, das seit kurzem bei uns einzogen ist. Das ist Lumi, ein Alaskan Husky. Damit ist unsere Mehrhundehaltung nun aber wirklich abgeschlossen. Mehr geht nicht. Ganz bestimmt nicht:

Lumi

Mehrhundehaltung – es ist einfach passiert

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Hunde
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3 Kommentare

  • Oh Gott, das ist so toll! 😍

  • „Damit ist unsere Mehrhundehaltung nun aber wirklich abgeschlossen. Mehr geht nicht. Ganz bestimmt nicht.“

    …das sagen Hundefreunde nach jedem neuen Hund, aber ein paar Monate oder vielleicht auch erst ein paar Jahre später verlieben sie sich wieder in die treuen Augen eines Vierbeiners und schon wächst das heimische Rudel. Natürlich immer mit dem Kommentar dass dieser nun wirklich der Allerletze war :p

    • In diesem Fall meine ich es wirklich so, weil wir mehr nicht leisten können – dann könnten wir den Hunden nicht mehr gerecht werden.

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