Pfalztrail Ultratrail 2014

Mein bislang längster Lauf: Der Pfalztrail 2014

Ich werde wach. Der Wecker zeigt 03:10 Uhr an. Eigentlich habe ich noch zwanzig Minuten, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken, denn die Nervosität vertreibt jegliche Müdigkeit. Der Saxoprint Pfalztrail 2014 steht heute an. Ich habe mich für die Ultratrail-Distanz angemeldet, die mit 85,6 Kilometern und 2.440 Höhenmetern eine neue Herausforderung für mich darstellt. Der Zugspitz Supertrail hatte zwar ein paar Höhenmeter mehr, aber dafür über 25 Kilometer weniger, die es zu bewältigen galt. Die Vorbereitung lief gut: 944 Kilometer mit über 20.000 Höhenmetern bin ich die vergangenen 12 Wochen gelaufen.

Der Wetterbericht sagt Regen voraus. Viel Regen

Wirklich gut geschlafen habe ich trotzdem nicht; wenn es hoch kommt drei unruhige Stunden. Ich bin kein Prüfungsmensch – war ich noch nie – und so ein Lauf ist ja irgendwie auch eine Prüfung. Durch das gekippte Fenster höre ich den Regen, der auf die Blätter des Kirschbaums vor unserem Haus prasselt. Und so soll es laut Wetterbericht den Vormittag über bleiben: 4,3 Liter Niederschlag bis 12 Uhr lautet die pessimistischste Prognose, die ich finden konnte. Danach Sprühregen, gegen Abend, wenn ich, wenn es gut läuft, bereits im Auto auf dem Weg nach Hause vom Pfalztrail 2014 sitze, soll es dann trocken werden.

Kurz unter die Dusche und in die Laufklamotten geschlüpft, die ich gestern Abend rausgelegt habe. Auch der gepackte Laufrucksack (Salomon S-Lab in der 12-Liter-Ausführung) steht schon bereit: Wechselklamotten sorgfältig in Plastiktüten verpackt, Energieriegel, Gels (mit und ohne Coffein), Magnesium-Calcium-Granulat, Salztabletten, MP3-Player, Pflaster, Fotoapparat (wasserdichtes Modell), Handy, zwei mit Wasser gefüllte Soft Flasks. Die Tür zum Wohnzimmer geht auf und meine Frau und meine Tochter trotten mir mit müden Augen entgegen, um mir alles Gute zu wünschen. Nur mein Sohn schläft selig. Es sei ihm gegönnt.

Pünktlich um 6:30 Uhr geht’s auf den Trail

1:25 Stunden Fahrzeit zeigt das Navi zum Pfalztrail an. Der Regen platscht gegen die Frontscheibe, die Landstraße ist mit Laub und kleinen Ästen übersät, das Wasser fließt in Rinnsalen am Fahrbahnrand entlang. Auf der A6 lässt der Regen dann nach und hört schließlich ganz auf. Um 5:20 Uhr erreiche ich Carlsberg, den Start- und Zielort des Pfalztrail 2014. Ein Shuttle-Bus fährt mich und zwei weitere Verrückte, die an diesem Samstag, dem 11. Oktober 2014, ebenfalls nichts Besseres zu tun haben, vom Parkplatz zur Anmeldung, wo ich meine Startunterlagen abhole. Ein kurzes Briefing von den Organisatoren, ein paar Worte mit Sascha gewechselt, den ich bislang nur über Twitter kannte, dann fällt pünktlich um 6:30 Uhr der Startschuss.

Kurz vor dem Briefing zum Pfalztrail 2014
Kurz vor dem Briefing zum Pfalztrail 2014 versammeln sich die Ultra-Trailläufer in der Halle
Kurz vor dem Start zum Ultratrail
Wenige Minuten vor dem Start: Pünktlich um 6:30 Uhr fiel der Startschuss zum engelhorn sports Salomon UltraTrail

Die erste Stunde geht’s durch die Dunkelheit

Die erste Stunde geht’s mit Stirnlampen durch die Dunkelheit. Noch achte ich nicht auf die Markierungen (Flatterbänder an Bäumen, Pfeile auf dem Boden), sondern folge meinen Vorderläufern. Der Boden ist matschig, ich rutsche über das feuchte Laub. Aber es regnet nicht – und so wird es den ganzen Tag über bleiben.

Die erste Stunde geht's durch die Dunkelheit mit Stirnlampe
Die erste Stunde geht’s durch die Dunkelheit mit Stirnlampe. Immer dem Vordermann hinterher.

Als es heller wird, erhöht die Vierer-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe, das Tempo und wir laufen mit durchschnittlich 5:30 min/km. Bei mir läuft es noch nicht so richtig rund – gerade einmal 15 Kilometer liegen hinter uns und ich meine bereits eine leichte Erschöpfung zu spüren. Kann nicht sein, sage ich mir. Darf nicht sein.

An den Verpflegungsstationen des Pfalztrail mache ich nur kurz Pause, um meine Soft Flasks mit Wasser aufzufüllen. Ich will heute auf Tempo laufen, schauen was geht, auch wenn ich dann irgendwann später im Rennen vielleicht einbrechen werde.

Verpflegungsstation beim Pfalztrail 2014
Verpflegungsstation beim Pfalztrail 2014

Ab Kilometer 30 laufe ich alleine. Meine Gruppe habe ich an der letzten Verpflegungsstation zurückgelassen. Das Läuferfeld – 132 Starter hatten sich vorab angemeldet, Nachmeldungen waren aber noch am Renntag möglich – hat sich auseinandergezogen. Es läuft besser bei mir, jetzt, wo ich für mich bin und mein eigenes Tempo, meinen eigenen Rhythmus laufen kann. Die Trails machen Spaß – 40 Prozent Singletrail-Anteil war versprochen, und dieses Versprechen haben die Organisatoren des Pfalztrail gehalten.

Die schönen Singeltrails des Wettkampfs machen einfach Spaß.
Die schönen Singeltrails des Wettkampfs machen einfach Spaß.

Die Trails sind technisch anspruchsvoll, das Laub ist rutschig, zahlreiche Steine, Wurzeln und Büsche, die man gerade downhill geschickt umschiffen muss. Aber es ist nur selten richtig matschig, da hatte ich nach einer Nacht mit Dauerregen mehr befürchtet.

Zwischen Kilometer 40 und 60 im Runners-High

Halbzeit: Bei Verpflegungsstelle 6 wechsele ich mein völlig durchnässtes Oberteil und packe den MP3-Player aus. Ein bisschen antreibende Musik kann für die nächsten 40 Kilometer nicht schaden. Kurz darauf werfe ich einen Blick auf meine Suunto – sie steht. Beim Klamottenwechsel habe ich die Uhr wohl unbewusst pausiert. Wie lange mag das her sein? 10 Minuten? 15 Minuten? Egal, ist jetzt nicht mehr zu ändern.

Die zwanzig Kilometer, die jetzt folgen, laufen rund. Ich bin in meinem Rhythmus, steige zügig Bergaufpassagen nach oben, auf ebener Strecke laufe ich mit einer 5:20 min/km Pace, bergab überhole ich zwei Läufer, denn downhill bin ich in meinem Element. Mit 4:52 min/km laufe ich meinen schnellsten Kilometer des Pfalztrail. Ab Kilometer 60 werden die Beine langsam schwerer.

Stufen können schmerzen, auch wenn sie schön anzusehen sind.
Stufen können schmerzen, auch wenn sie schön anzusehen sind.

Insbesondere bergauf läuft es nicht mehr ganz so flüssig, und ich weiß, dass mir in zwei, drei Kilometern der knackigste Anstieg des Pfalztrail bevorsteht, der dem Pfad zum Alpspitz beim Zugspitz Supertrail, wie sich herausstellen wird, nur wenig nachsteht.

Der steilste Anstieg des Pfalztrail auf 500 Meter Höhe

Es geht einen schmalen Singletrail über Steine, Wurzeln und Stufen von einem halben Metern Höhe in Schlangelinien nach oben. Stöcke wären jetzt schön, denke ich mir, aber im nachhinein bereue ich es nicht, dass ich keine dabei hatte; dafür wäre der Einsatzzweck zu begrenzt gewesen. Ich steige gebückt, drücke mit den Händen auf meine Oberschenkel, um mit der Kraft meiner Arme ein bisschen Unterstützung für die Beine zu leisten.

Beginn eines steilen Anstiegs beim Pfalztrail.
Beginn eines steilen Anstiegs beim Pfalztrail.

Kurz vor dem Gipfel werde ich von einem Fotografen erwartet.
„A little bit running“, ruft er mir zu, am Ende dieses verdammten Anstiegs.
Okay, was macht man nicht alles für ein cooles Trailrunning-Foto – ich runne ein bisschen und versuche freudig erholt in die Kamera zu lächeln
„Next tree one more photo“, ruft der Fotograf mir beim Vorbeilaufen zu.
Ich runne noch ein bisschen weiter bis zum nächsten Fotografen, der sich, wie angekündigt, einen Baum weiter postiert hat. Noch mal lächeln. Cool und lässig wirken, auch wenn der Körper nur noch schreien möchte. Dann ist der Anstieg geschafft. Zur Belohnung gibt es ein wunderschönes Panorama und sogar ein paar einzelne Sonnenstrahlen.

Panorama-Blick beim Pfalztrail
Der höchste Punkt der Strecke bietet einen schönen Panorama-Blick.

Ab Kilometer 77,1 wollen die Beine nicht mehr

Die letzte Verpflegungsstation des Pfalztrail 2014 liegt bei Kilometer 77,1 in Höhningen. Es geht über Asphalt in den Ort hinein und wieder raus. Und danach geht bei mir nichts mehr. War es der Asphalt, der meinen ohnehin schon müden Beinen den Rest gegeben hat? Auch ebene Strecken kann ich nicht mehr am Stück laufen, ich wechsle zwischen gehen und laufen, die beiden fiesen Steigungen, die noch folgen, schleppe ich mich im Schneckentempo nach oben. Waden, Oberschenkel, Knie, Füße – es tut einfach nur noch weh. Da können 8 Kilometer lang werden, verdammt lang. Ob ich noch ein Coffein-Gel nehme? Mein Magen hat nicht mehr so wirklich Lust auf das klebrige Zeug, aber 4 Kilometer vor dem Ziel drücke ich mir doch noch ein Päckchen rein, spüle die pappige Masse mit Wasser runter. Und es hilft. Ich verspüre wieder mehr Energie, werde wacher, auch wenn der Schmerz nicht nachlässt.

Es geht aus dem Wald hinaus nach Carlsberg hinein. Der Weg zum Ziel ist mit Pylonen markiert. Die letzten zwei-, dreihundert Meter noch mal bergauf, unter den anfeuernden Rufen der Zuschauer. Dann habe ich es geschafft und in 10:05:55 Stunden den Pfalztrail 2014 in der Ultra-Distanz gefinished.
„14. Platz“, ruft mir einer der Helfer hinter der Ziellinie zu.
Ich nicke, lächele, murmele ihm ein „Danke“ zu. Dann steuere ich zielstrebig den Stand von Erdinger Alkoholfrei an, trinke das erste Bier in einem Zug, setze mich mit einem zweiten auf eine Bank und rufe zu Hause an.

Fazit

Der Saxoprint Pfalztrail 2014 war mein bislang anspruchsvollster Lauf, der mir meine Grenzen aufgezeigt und gleichzeitig richtig Spaß gemacht hat. Eine tolle Strecke mit vielen Singletrails, einer super Organisation und einer perfekten Streckenmarkierung. Mein Dank geht an dieser Stelle an die zahlreichen freiwilligen Helfer in Carlsberg und auf der Strecke. Man hatte wirklich das Gefühl, dass der ganze Ort auf den Beinen ist und den Pfalztrail mit vollem Engagement unterstützt – eine familiäre Veranstaltung.

Geschrieben von: Bert

Pfalztrail 2014: 85,6 Kilometer durch das Leiningerland

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Läufe
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19 Kommentare

  • Wow! Mehr als zwei Marathons und 10 Stunden am Stück. Dafür allergrößten Respekt von mir. Wahnsinn. Großartiger Wahnsinn. 🙂

    P.S. Und ganz weit hinten im Kopf sagt eine leise Stimme: „Und 2015 dann unter 10 Stunden“. Oder? 😉

    • Hi Sebastian,
      Dank Dir! Klar, eine ganz, ganz leise Stimme ist der Meinung, dass auch 2014 unter 10 Stunden fein gewesen wären. Da ich aber am Limit gelaufen bin, passt das Ergebnis für mich. Vielleicht starte ich 2015 einen Sub10-Versuch. Mal schauen. Gibt ja noch ganz viele andere tolle Läufe da draußen.

      Viele Grüße
      Bert

  • Ein toller Bericht und vor allem ein tolles Ergebnis! Glückwunsch nochmals auch hier.
    Die Gegenveranstaltung – den Sachsentrail habe ich für 2015 bereits auf der Liste, auch wenn ich mich auch hier eher an die kurze Strecke wagen würde 😉

    VG
    Daniel

    • Hi Daniel,
      lieben Dank für dein Feedback. Das freut mich. Wenn der Sachsentrail genauso toll organisiert ist, was ja zu vermuten ist, ist der Lauf auf jedenfall eine Überlegung wert.
      Viele Grüße
      Bert

  • Hallo Bert, dein Bericht liest sich toll und deine Leistung war Klasse!

    Macht echt Lust auf den Lauf.
    Merke ich mir fürs nächste Jahr vor! 🙂

    • Hallo Marcel,
      vielen Dank für dein Feedback und willkommen in meinem Blog. Der Lauf ist wirklich zu empfehlen und vor allem, als Süd-Hesse, nicht so weit weg wie viele anderen Trail-Ultras.
      Viele Grüße
      Bert

  • Super geschrieben. Scheint ein super Lauf zu sein. Der Termin war für mich dieses Jahr aber auf keinen Fall machbar. Vielleicht 2015. 🙂

    • Hi Benni,
      vielen Dank – das freut! Vielleicht sehen wir uns ja 2015 mal bei einem Lauf? Würde mich freuen!
      Viele Grüße
      Bert

  • Uhhhh, einfach ein toller Bericht und meinen Respekt vor dieser tollen Leistung und irren Zeit. Es kribbelt richtig beim lesen und als Runner möchte man genau das mal erleben. Den Schmerz zwischendrin und dieses Gefühl beim ankommen! Klasse, freue mich Dich beim ZUT wieder mal zu treffen 🙂

    • Hi Patrick,
      dank dir! Das erleben wir dann gemeinsam nächstes Jahr in Grainau. Wird sicher wieder ein tolles Twitter-Familientreffen. Wie viele Monate sind’s noch? Kann es kaum erwarten…
      Viele Grüße
      Bert

  • Hi Bert,

    ich ziehe meinen Hut vor dir und deiner Leistung! Nächstes Jahr bin ich auch dabei.

    Gruß der Trailpirat

    • Hi Trailpirat,
      vielen Dank! Dir weiterhin gute und schnelle Besserung!
      Viele Grüße
      Bert

  • Hi Bert,

    sehr lustig. Da fange ich an zu lesen nachdem ich dem Link in der Mail vom Pfalz Trail gefolgt bin und lese plötzlich von einem ominösen Sascha auf Twitter….Hm denke ich mir…wer schreibt denn hier 🙂 Jetzt habe ich deinen Blog auch endlich auf dem Schirm 🙂

    • Hi Sascha,
      na, dann sag‘ ich mal: Herzlich Willkommen 😉
      Viele Grüße
      Bert

  • Hi Bert, Glückwunsch zu dieser tollen Leistung! Prima Bericht. Der Trail war auch auf der halben Distanz echt Klasse aber das ganze Ding, das ist echt krass
    Grüße Wolfgang

    • Hallo Wolfgang,
      vielen Dank! Gerade bei dir im Blog geschaut – schreibst du auch noch was zum Pfalztrail? Interessiert mich sehr, wie der Halftrail so war. Aber dafür konnte ich deinen tollen Bericht zum Berlin Marathon lesen. Klasse Ding – sowohl der Text als auch dein Lauf.
      Hoffentlich mal bis bald!
      Viele Grüße
      Bert

  • Und zwei Wochen später läufst du dann noch mal eben den Frankfurt Marathon. War dann eher Auslaufen, hm?

    Krass.

    Tolles Blog übrigens.

    • Hallo Martin,
      das Kompliment in Sachen Blog kann ich nur zurückgeben – sauber Ding, was du da gemacht hast.
      Viele Grüße
      Bert

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