Vegan für alle – ein zwiespältiges Leseerlebnis

Ich habe mich beim Lesen von Vegan für alle von Jan Bredack geärgert. Darüber, dass man aus diesem Buch mit seinen wirklich interessanten und lesenswerten Ansichten und Thesen nicht mehr gemacht hat. Darüber, dass vor lauter autobiografischen Geplapper das eigentliche Thema aus dem Blickfeld gerät. Darüber, dass ich es einige Plattheiten beinhaltet, da ist die Reminiszenz auf Obama mit „Yes, ve gan!“ nur ein Beispiel. Ich hatte beim Lesen von Vegan für alle aber auch einige Aha-Effekte, die es für mich insgesamt zu einem lesenswerten Buch gemacht haben.

Um was geht’s in Jan Bredacks „Vegan für alle“?

Jan Bredack erzählt in Vegan für alle, wie er von einem rücksichtslosen Top-Manager bei Daimler zum Gründer der ersten veganen Supermarktkette Veganz wurde. Kapitel zu den Themen Massentierhaltung, die Bedeutung der Bienen, Superfoods, Fleischkonsum in den Religionen etc. wechseln mit autobiografischen Kapiteln ab, in denen Bredack von seiner Kindheit und Jugend in der DDR erzählt und von seinem Werdegang von einem Service-Techniker zu einem der Top-Manager bei Daimler mit einem Millionen-Gehalt. Nach einem Burn-out wirft er nach und nach sein altes Leben über den Haufen, ernährt sich ausschließlich vegan und steigt schließlich ganz bei Daimler aus – zu einer Zeit, als er parallel schon den ersten Veganz-Supermarkt aus der Taufe hebt.

Jan Bredack: Vegan für alle. Warum wir richtig leben sollten
Schön gestaltet ist das Buch vom Piper Verlag: Vegan für alle von Jan Bredack

Vegane Lebensmittel werden sich nur mit der Industrie durchsetzen

Wichtigste Aussage in Vegan für alle ist die These, dass sich vegane Lebensmittel nur mit der Industrie durchsetzen werden. Bredacks Beispiel hierfür ist die Pflanzenmilch Alpro, die eine zeitlang zum US-amerikanische Konzern Dean-Foods gehörte, einem der größten Tiermilchproduzenten in den USA. Trotzdem stehen die Alpro-Produkte ebenfalls in Veganz-Supermärkten, was Bredack, wie er schreibt, harsche Kritik in der veganen Szene einbrachte und -bringt.

Der Industrie geht es ums Geld – daran wird sich nichts ändern. Nur wenn man die Pflanzenprodukte der Industrie anbietet, werden sie mit diesen auch Geld verdienen und sie folglich mehr produzieren, so dass im gleichen Maße die Produktion tierischer Lebensmittel abnimmt. Ein Wandel der Ernährungsgewohnheiten weg vom Tier und hin zur Pflanze wird nur mit der Industrie herbeizuführen sein – hierbei stimme ich Bredack uneingeschränkt zu.

Vegan schmeckt und ist kein Verzicht

Was Bredack ebenfalls gelingt, ist die Lust auf vegane Lebensmittel zu wecken. Wenn er beschreibt, wie er vegane Burger verteilt oder verschiedene vegane Käsesorten verkostet oder vom Soja-Chia-Samen-Jogurt schreibt, bekommt man automatisch Lust, es ihm gleich zu tun. Und es wird mehr als deutlich, dass die vegane Lebensweise keinen Verzicht darstellt, sondern – im Gegenteil – äußerst abwechslungsreich ist. Dieser Verdienst ist Vegan für alle hoch anzurechnen, auch wenn Bredack inhaltlich kaum etwas Neues zur Thematik beiträgt. Ein Verdienst, der aber durch die Struktur des Buches stark geschmälert wird.

Konzentration aufs Wesentliche wäre mehr gewesen

Man kann die Lebensgeschichte Bredacks interessant finden oder nicht. Mich persönlich hat sie herzlich wenig interessiert, schließlich wollte ich ein Buch zum Thema Veganismus lesen – so versprechen es schließlich Titel und Untertitel – und nicht über die Kindheit und Jugend in einer linientreuen DDR-Familie mit einem Arschloch-Vater. Vegan für alle kann sich nicht entscheiden, was es eigentlich sein will: Sachbuch oder Autobiografie. Die Geschichte des Daimler-Managers Bredack steht in direktem Zusammenhang mit seiner heutigen veganen Lebensweise und der Gründung der Veganz-Supermärkte. Die passt hier rein und gehört in dieses Buch. Denn er ist kein Öko, der naiv auf Unternehmer macht, sondern ein Manager, der sein Business versteht. Die Kindheit- und Jugendgeschichte hat in diesem Buch hingegen nichts verloren. Ein Verzicht auf sie wäre ein Gewinn gewesen, das Buch wäre straffer (zum Teil liest es sich recht langatmig) und eine Konzentration auf Veganismus hätte dem Thema und dem Anliegen Bredacks, für seine Ernährungsweise zu werben, gut getan.

Zudem scheint es, als wolle Bredack mit der abwechselnden Anordnung von autobiografischen Kapiteln und Aufsätzen davon ablenken, dass auch dem Sachbuchanteil, also den Teilen, die sich um Veganismus drehen, ein konsistenter und durchdachter Aufbau fehlen. Diese Aufsätze (diese Bezeichnung trifft es besser als „Kapitel“) bauen nicht aufeinander auf und sind lose ohne eine zu grundlegende Struktur aneinander gereiht.

So hinterlässt Vegan für alle einen zwiespältigen Eindruck bei mir. Einerseits begrüße ich die Thesen und Aussagen Bredacks und die Begeisterung, die er vermittelt. Andererseits ärgere ich mich, dass durch den Aufbau des Buches und die zu starke Mischung mit der Autobiografie der Fokus auf das eigentliche Thema verloren geht. Hier hätte der Rotstift eines beherzten Lektors oder des Mitautoren Helmut Kuhn gut getan.

Die Infos zum Buch:
Vegan für alle
Jan Bredack
Warum wir richtig leben sollten
Mitautor: Helmut Kuhn
Piper Verlag
Erschienen am 14.04.2014
256 Seiten, Laminierter Pappband
ISBN: 978-3-492-05630-4
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 28,90

PS: Für alle, die sich gefragt haben, was eine Buchrezension in einem Blog zum Thema Laufen zu suchen hat: Ausdauersport und Ernährung gehören für mich zusammen. Da ich seit Januar 2014 vegan lebe, wie man in diesem Beitrag nachlesen kann, habe ich mich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt – bislang aber ausschließlich über Internetquellen. Vegan für alle ist mein erstes Buch zu diesem Thema. Und da ich irgendwann mal Literatur studiert habe und in der Verlagsbranche tätig war, lag es nahe, ein paar Zeilen über dieses Buch hier zu veröffentlichen.

Geschrieben von: Bert

„Vegan für alle. Warum wir richtig leben sollten“ von Jan Bredack – Rezension

Bert

Seit August 2011 laufe ich durch den schönen Odenwald im Süden Hessens. Am liebsten bin ich auf Trails unterwegs, die gerne über 30 Kilometer lang sein dürfen. Mittlerweile bin ich neun Ultratrails gelaufen – von 60 bis 170 Kilometern, von 2.500 bis 10.000 Höhenmetern. Zuletzt den Cape Wrath Ultra, der mich in acht Etappen von Fort William bis nach Cape Wrath geführt hat.

Kategorie: Dies & Das
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4 Kommentare

  • Ich fand die Geschichten aus seiner Kindheit gerade spannend – aber das liegt wohl auch daran, weil ich selbst in der DDR aufgewachsen bin.

    Wenn ich nicht bei der Lesung dabei gewesen wäre, dann wäre ich mir bei dem Buch nicht sicher gewesen, ob alles auf der Realität basiert. Manche Dinge hörten sich schon ziemlich übertrieben an.

    • Hallo Manu,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Unspannend fand ich die Geschichten auch nicht. Aber sie haben mich in diesem Kontext nicht interessiert, da ich – aufgrund von Titel und Untertitel – andere Erwartungen an das Buch hatte – und diese wurde eben ein gutes Stück weit enttäuscht. Ich wollte keine Biografie, sondern ein Sachbuch zum versprochenen Thema lesen.
      Viele Grüße
      Bert

  • So unterschiedlich können Meinungen sein.

    Ich bin von dem Buch keineswegs enttäuscht. Für mich war von vorneherein klar, dass es hier um eine Autobiographie geht und außerdem um ein Plädoyer für das vegane Leben.
    Wenn man sich vorab die Buchbeschreibung angeschaut hat, dann wusste man das auch.

    Ich fand Jan Bredacks Lebensgeschichte sehr spannend. Die Entwicklung vom karrierebesessenen Manager zum glücklichen, freien Menschen ist der Kernpunkt des Buches. Dies ist kein Buch, dass den Veganismus erklärt und mit Kochrezepten aufwartet.

    Davon gibt es ja auch schon genug.

    • Hallo Carolina,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Jeder liest ein Buch anders und geht mit anderen Erwartungen ran. Der Untertitel ist in meinen Augen irreführend, aller Buchbeschreibungen zum Trotz: „Warum wir richtig leben sollten“, heißt es da. „Wir“ nicht „ich“ – wie es bei einer Autobiographie richtig gewesen wäre: „Warum ich mein Leben umgestellt habe“ zum Beispiel. Verkauft sich halt nicht so gut. Und den Veganismus oder die Gründe dafür will Bredack erklären, sonst hätte er es bei seiner Lebensgeschichte belassen und auf die Sachbuchkapitel verzichten können. Und dies ist mein Kritikpunkt: Das Buch kann sich nicht zwischen Sachbuch und Autobiographie entscheiden. Das geht selten gut – in meinen Augen leider auch hier nicht.

      Viele Grüße
      Bert

      PS: Karrierebesessen ist Bredack in meinen Augen immer noch – nur reibt er sich jetzt für Produkte auf, an die er glaubt.

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